Katja
oder Aus einem anderen Blickwinkel

Katja rannte die Straße entlang. Das Herz pochte in ihrem engen Brustkorb, als wolle es ihn sprengen. Der Atem ging stoßweise, pumpte nicht genügend Sauerstoff in die kleinen Lungen. Sie japste, doch sie konnte nicht stehen bleiben, immer weiter, immer weiter, nur fort von hier. Die Angst saß ihr im Nacken und biss sich fest. Das schmale, blasse Gesicht tränenüberströmt, aber das sah niemand, denn es regnete. Die blonden Haare klatschnass, klebten an ihrem Kopf. Ab und zu fuhr ihre Hand über die Augen, um den Blick wieder frei zu wischen. Sie hatte große Schmerzen, aber das sah auch niemand. Es schmerzte ja auch innen drin und nicht außen, dachte sie. Die neunjährige Katja rannte und rannte und wusste doch nicht wohin. Zwischen ihrem rasenden Puls hörte sie manchmal eine Stimme, eine Frauenstimme, die ihren Namen rief. Sie konnte aber nicht ausmachen, wo der Ruf herkam. Sie hetzte kreuz und quer durch die Stadt. Die Menschen auf den Straßen, meist mit sich selbst beschäftigt, schienen dieses verzweifelte Mädchen nicht zu sehen. Auch nicht, als sie sich völlig entkräftet am Straßenrand übergeben musste. Sie gingen einfach vorbei, gingen weiter ihrer Wege. Stolpernden Schrittes lief sie weiter und wieder diese Frauenstimme, die ihren Namen rief: »Katja, Katja.«. Eine schwache Stimme, eine alte Stimme. Katja lief weiter, orientierungslos, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Dann eine dunkle, männliche Stimme: »Hey Kleine, hey Mädchen, bleib mal stehen.« und sie blieb atemlos stehen. An der Hauswand lehnte eine dunkle Gestalt, die jetzt aus dem Schatten hervortrat. Wie es schien, ein Obdachloser, schmutzig und in zerrissener Kleidung. Graue, strähnige Haare zottelten unter einem vergammelten Hut hervor und ein wilder Bart zierte sein Gesicht. Eine Erscheinung, angsteinflößend und nicht sehr vertrauenserweckend. Merkwürdigerweise zeigte Katja keine Angst. Diese hellen, gütigen Augen ließen ihre Angst verschwinden und sie begann ruhiger zu atmen. »Hab keine Angst, alles wird gut,« und er streckte ihr die Hand entgegen. Voller Vertrauen ergriff Katja die schmutzige Hand. In dem Moment hörte sie wieder die Frauenstimme, die ihren Namen nun flüsterte. Aber sie sah niemanden, die Straße schien wie leergefegt, es gab nur diesen Alten und sie. Er hielt immer noch ihre Hand und irgendwie beruhigte sie das sehr. »Nun erzähl mal, was ist denn passiert?« »Mein Stiefvater hat mich wieder einmal verprügelt.« »Aber warum denn das? Warst du nicht lieb?« »Nein, dieses Mal war ich nicht lieb und ich muss doch immer lieb zu ihm sein. Aber dieses Liebsein tut mir schrecklich weh, ganz drinnen und es ist eklig.«, flüstert Katja. »Aber beim letzten Mal hielt ich nicht still, ich habe mit der Schere zugestochen. Ich weiß nicht wie oft und jetzt ist er tot.« Der Landstreicher nickte bedächtig mit dem Kopf, streichelte ihre Hand: »Wie lange rennst du denn schon hier herum?«, wollte er wissen. »Ich glaube schon sehr, sehr lange und wenn ich glaube angekommen zu sein, fängt alles wieder von vorne an.«, erwiderte sie entmutigt. »Ja, wo willst du denn hin?«, fragte er behutsam. »Das weiß ich auch nicht.«, unsicher dehnte sie die Worte. »Na komm, erzähl.«. Katja erzählte ihm, dass sie immer wieder eine Frauenstimme höre, die sie rufe, aber die Rufe würden jetzt leiser werden. Manchmal sei es nur noch ein Flüstern. »Und du suchst die Person, zu der die Stimme gehört?«. »Ja, ich glaube schon, aber frage mich nicht warum. Es ist wie ein innerer Zwang.«. »Was würdest du sagen, wenn ich dir zeigen könnte, wo du diese alte Frau findest?«. »Oh ja, bitte. Lass uns gleich losgehen.«, eindringlich klangen ihre Worte und sie zog ihn mit sich fort. Hand in Hand lief das Mädchen und der Alte ein paar Straßen weiter, blieben vor einem kleinen Haus stehen. »Du musst mit hinein kommen.«, bat sie flehentlich. Er nickte, zog einen Schlüssel aus der abgewetzten Hose und schloss die Haustüre auf. Ungläubig starrte Katja ihm ins Gesicht, doch sie stellte keine Fragen, sie vertraute ihm. Er führte sie ins Schlafzimmer. Dort lag eine alte Frau im Bett. Sie begrüßte ihn mit den Worten: »Hast du Katja gefunden?«. »Ja, Katja, ich habe das Kind gefunden. Hier ist sie.«, und er schob das Mädchen vor das Bett. »Meine kleine Katja, es wird Zeit, es ist noch nicht zu spät.«, hauchte die alte Frau, die auch Katja hieß. Zu dem Alten gewandt: »Ich danke dir mein Engel, wir sehen uns bald wieder.«. Die kleine Katja legte sich wie selbstverständlich zu der Alten ins Bett, schlang beide Arme um sie. Sie war angekommen, sie war zu Hause. Das letzte was Katja sah, bevor sie eins wurde mit der alten Frau, waren die leuchtenden Augen des Landstreichers, wie er seine großen Flügel ausbreitete und unsichtbar wurde. Das schreckliche Geheimnis um den Tod des Stiefvaters nahmen die alte Katja und das Kind Katja mit ins Grab.
©Barbara Ohl


Jammerhalde

Der Umzug war geschafft, endlich. Raus aus der stickigen Stadt, aufs Land. Jetzt freue ich mich auf eine ausgiebige Dusche. Den Staub und den Dreck vom Umzug und von der Stadt abwaschen. In der Nacht habe ich tief und fest geschlafen, bei weit geöffnetem Fenster. Ein Luxus, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr kannte. Der Morgen begrüßt mich mit warmen Sonnenstrahlen und Vogelgezwitscher. Ich gieße mir heißen, frisch gebrühten Kaffee in meinen großen, bunten Becher und setze mich auf die Terrasse. Schön ist es hier und diese himmlische Ruhe, nur die Stimmen der Natur und des Waldes sind zu hören. Es ist das letzte Haus in der Straße, die auf einen hohen Hügel führt und im Wald endet. Haustür raus, Wald rein. Einfach traumhaft. Dansenberg heißt das Dorf, das in der Nähe von Kaiserslautern liegt. Die Einheimischen sagen Doosebersch. Der Name Doose oder Danse bedeutet Kiefer. Früher einmal erhoben sich rund um den Ort riesige Kiefernwälder, die aber nach und nach durch Mischwälder ersetzt wurden.
Heute nehme ich mir vor, die nähere Umgebung zu erkunden. Auf einem kleinen Wegweiser lese ich den Namen »Kerscheknabberweg«. Ein lustiger Name, denke ich und laufe drauf los. Unzählige wilde Kirschbäume säumen den Weg rund um den Ort und jetzt weiß ich auch, warum er so heißt. Knappe zehn Kilometer bin ich gewandert und stehe wieder an meinem Ausgangspunkt, vor meiner Haustür. Es ist Mitte Mai und das Wetter himmlisch. Aber es nützt ja nichts, ich muss wieder an meine Arbeit. Die restlichen Kartons packen sich nicht von alleine aus.
Am nächsten Morgen, nach einer erholsamen Nacht und nach dem Frühstück, ziehe ich mein festes Schuhwerk an und marschiere los. Dieses Mal einfach querfeldein. Angst mich zu verlaufen habe ich nicht. Ich orientiere mich an dem Sendeturm, der mitten im Wald steht und von da kenne ich den Weg nach Hause. Mein Kopf ist so frei und meine Seele so weit. Mit all meinen Sinnen nehme ich meine Umgebung wahr. Das alte Laub, vom vergangenen Herbst raschelt unter meinen Füßen. Vor mir eine Amsel, die im Laub scharrt, nach Essbarem pickt. Nach zwei Stunden mache ich Rast. Ich stehe unter einer alten, behäbigen Eiche und schnaufe erst einmal durch. Märchenhaft schön ist es hier. Es würde mich nicht wundern, wenn plötzlich kleine Kobolde oder klitzekleine Waldfeen erscheinen würden. Die Sonne blinzelt durch das Blätterdach und lässt das samtweiche Moos in unwirklichen Grüntönen erstrahlen. In knöcheltiefen Träumen versunken genieße ich diesen glücklichen Moment. Ein Augenblick für die Ewigkeit. Langsam löse ich mich aus diesem Zauber und lasse mich zu den Füßen des Baumes nieder. Mein Rucksack gibt nicht sehr viel her. Aber für eine kleine Stärkung reicht es. Eine kleine Flasche Wasser, einen Müsliriegel und einen Apfel. Ich nehme einen großen Schluck Wasser und reiße den Riegel auf. Ein Windhauch weht die Folie weg und ich auf allen Vieren hinterher. Ich grabsche danach, halte die Verpackung und eine Handvoll Dreck zwischen meinen Fingern. Die Folie stecke ich in die Seitentasche des Rucksacks und untersuche, was ich da in den Fingern halte. Ich fühle etwas Hartes, vielleicht ein Stein. Mit dem Fingernagel kratze ich etwas Dreck ab. Das ist kein Stein, denke ich. Ich werde diesen Fund mit nach Hause nehmen, um ihn genauer zu untersuchen.
Mit einer Nagelbürste fange ich an, meinen Fund zu säubern. Das Ergebnis lässt zu wünschen übrig. Es bleibt ein dreckiger kleiner Klumpen. Mit einer Drahtbürste habe ich dann mehr Erfolg. An einer Ecke glänzt es golden und aufgeregt bürste ich das ganze Stück blank. Zum Vorschein kommt ein goldener Knopf. Ich bin ganz aus dem Häuschen und meine Fantasie schlägt Purzelbaum. Am Abend setzte ich mich mit einem Glas Rotwein und meinem Knopf in meinen Lieblingssessel, lasse mich von meinen Gedanken forttreiben. Es sind schöne Gedanken, romantische Vorstellungen. Vielleicht hat ein Liebespaar vor vielen, vielen Jahren beim Liebesspiel diesen Knopf verloren.
In der Nacht schlief ich schlecht. Merkwürdige, beklemmende Träume haben mich heimgesucht. Aber so richtig kann ich mich an sie nicht mehr erinnern. In den folgenden Nächten werden die Träume heftiger. Ich höre Schreie und sehe immer wieder Blut, sehr viel Blut. Oft wache ich schweißgebadet auf, ringe nach Luft. Was war nur mit mir los? Ich kann mir das alles nicht erklären. Tagsüber versuche ich mich abzulenken. Ich bepflanze die Kübel auf der Terrasse mit bunten, duftenden Blumen und versuche herauszufinden, was das für ein Knopf ist. Wem könnte er gehört haben, aus welcher Zeit stammt er? Es geht eine sonderbare Faszination von ihm aus, die mich in Bann hält. Der Hausbesitzer schaut ab und zu nach dem Rechten, fragt, wie es mir geht und ob ich mich hier wohl fühle. Das kann ich ihm nur bestätigen. Schöner kann man eigentlich nicht wohnen. Ihm zeige ich den Knopf, aber auch er kann nichts damit anfangen. Von den Alpträumen erzähle ich ihm natürlich nichts.
Die Nächte werden immer gruseliger. Ich sehe Menschen in mittelalterlicher Kleidung, die durch den düsteren Wald irren. Die Frauen mit Spitzenhäubchen und kurzen Schulterumhänge halten ihre Säuglinge an sich gepresst und zerren die größeren Kinder hinter sich her. So viele ausgemergelte Gestalten auf der Flucht. Aber auf der Flucht vor was? Vor wem? Diese Träume gehen mir an die Substanz und sie hören nicht auf. Einmal dreht sich eine halb verhungerte, kranke Frau um, schaut mich an, schreit etwas in französischer Sprache, bevor sie Schutz hinter einem Baum sucht. Ein anderes Mal taucht ein Datum vor meinen träumenden Augen auf, elfter Juli. Ich muss mich von diesen schrecklichen Träumen ablenken. Ein Spaziergang im Wald wird mir guttun. Ganz in Gedanken stecke ich den Knopf in meine Hosentasche und laufe los. Tief atme ich die würzige Luft ein. Mein Kopf wird wieder frei und ich freue mich auf einen gemütlichen Abend. In der kommenden Nacht sollte ich das Fürchten lernen.
In meinem Traum flüchten hunderte von Menschen in die Wälder, gefolgt und gehetzt von Soldaten in Kettenhemden, mit Schildern und Schwertern. Fast alle Flüchtenden wurden eingeholt und niedergemetzelt. Ein unbeschreibliches Blutbad spielt sich vor meinen Augen ab. Die Horde schreckt auch nicht davor zurück, Kinder und Säuglinge zu erschlagen. Die Erde ist getränkt mit ihrem Blut. Ein Soldat trifft auf eine junge Frau, die verzweifelt versucht, sich im Gestrüpp zu verstecken. Mit dem Schwert teilt er ihren gewölbten Leib, Eingeweide und ein ungeborenes Kind quellen hervor. Ein anderer schlägt einem Mann mit brachialer Gewalt den Kopf vom Rumpf. Tritt mit seinen klobigen Lederstiefeln dagegen, dass er meterweit durch die Luft fliegt. Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, aufs Schlimmste erniedrigt und dann brutal niedergestochen. Entsetzliche Schreie, Hilferufe und jämmerliches Flehen dringen mir durch Mark und Bein. Am Ende wateten die Schergen durch einen Schlamm aus Erde und Blut. Ein junges Mädchen liegt im Sterben. In meinem Traum gehe ich zu ihr hin, beuge mich über sie. Langsam öffnet sich ihre Hand, in der ein goldener Knopf funkelt. Blankes Entsetzen spiegelt sich in ihren Augen, bevor sie sie für immer schließt.
Ganz allmählich erwache ich aus diesem Horrorszenario. Mir ist übel, speiübel und ich bin dem Wahnsinn nahe. Denn dieser Knopf, den ich im Traum in der Hand des jungen Mädchens gesehen habe, ist der Gleiche, der jetzt bei mir auf dem Tisch liegt. Am Nachmittag kommt der Hausbesitzer vorbei. Er hat wohl gemerkt, dass es mir nicht so gut geht und nach einigem Zögern erzähle ich ihm die ganze Geschichte. Er nickt bedächtig und beginnt zu erklären: »Am 11. Juli 1635, während des Dreißigjährigen Krieges, wird Kaiserslautern von kroatischen Truppen angegriffen. Den Angreifern gelingt es, die Stadt und die umliegenden Siedlungen einzunehmen. Die Menschen, insbesondere Hugenotten, flüchteten in die Wälder. An der Roten Hohl beim Beerenloch wurden sie entdeckt und niedergemetzelt. Die Stelle, in der Nähe von Dansenberg, an der die Siedler vergeblich Schutz suchten, trägt heute den Namen Jammerhalde und wir wohnen in der Straße, die uns in den Wald, genau dorthin führt. Damit wird der Weg dorthin beschrieben. Und eine alte Legende besagt, dass das Schreien und Jammern alle sieben Jahre aus dem Wald zu hören ist. Am Morgen des 19. Juli ist die Stadt zerstört und menschenleer. Vor dem Massaker lebten in der Stadt dreitausend Menschen, nur zweihundert kehren zurück.« Ich bedanke mich für die ausführliche Information, die sehr aufschlussreich ist.
Nun weiß ich, was ich tun muss. Noch am selben Tag gehe ich zu der Stelle zurück, an der ich den Knopf gefunden hatte. Mit einer kleinen Schaufel buddele ich ein Loch und lege meinen wertvollen Fund hinein. Ich gebe dem Mädchen seinen Besitz zurück, den die Erde nach hunderten Jahren an die Oberfläche befördert und freigegeben hatte. In der folgenden Nacht träume ich wieder. Das Mädchen mit weißem Spitzenhäubchen steht an einen Baum gelehnt, streckt mir die geöffnete Hand hin und darin sehe den funkelnden, goldenen Knopf. Sie winkt mir noch einmal zu und löst sich in Nebel auf. Seitdem habe ich nie wieder von diesem Krieg oder von diesem Mädchen geträumt.

©Barbara Ohl

aus dem Buch "Eine Reise zwischen Licht und Schatten"


Glückliche Reise

Tief atmete sie die salzige Luft und trat beherzt auf die Schiffsplanken, wusste, das war ihr Weg. Vor ihr lag eine lange, glückliche Reise. Die Verwandten rieten ihr von dieser Schifffahrt ab, waren dagegen und weinten bittere Tränen beim Abschied.
Aber sie hatte schon immer einen starken Willen und setzte ihn auch dieses Mal durch. Die Weite, die Freiheit spüren. Die Sonne schien, sie war glücklich und fühlte sich geborgen. Fremde und vertraute Menschen begegneten ihr an Bord, die sie freudig begrüßten. Eine wohlige Wärme durchströmte sie.
Ihre Angehörigen standen unterdessen auf dem Friedhof an ihrem Grab und nahmen Abschied.

©Barbara Ohl

 

Ein Drabble ist eine meist pointierte Geschichte, die aus exakt 100 Wörtern bestehen muss. Dabei wird die Überschrift nicht mitgezählt. Durch die Beschränkung auf das Wesentliche stellt das Schreiben von Drabbles auch für erfahrene Autoren häufig eine Herausforderung dar.


Sommerwind

Eigentlich willst du noch nicht nach Hause. Es ist so ein schöner Tag und vom nahen Park weht der Sommerwind fröhliches Kinderlachen an dein Ohr. Auf dem Absatz machst du kehrt und spazierst durch den Park. Die Kinder spielen und toben. Du denkst an deine Kindheit zurück. Viel Zeit zum Spielen gab es da nicht. Da war der Haushalt, die kleineren Geschwister. Arbeit gab es immer und die Eltern haben nicht gefragt, ob das für Kinder gut ist, Hauptsache man hatte noch Zeit für die Schule und nebenher noch fleißig gelernt. Nein, Kind wolltest du nicht mehr sein. Nicht, dass deine Kindheit nicht auch schön war. Und jung willst du auch nicht mehr sein. Die Zeit ist einfach vorbei, sie ist gelebt. Du bist froh, dass du schon den größten Teil deines Weges hinter dir hast. Es macht dich auch nicht traurig. Traurig macht dich nur das Alleinsein. Das Lachen ist aus deinem Gesicht verschwunden und auch aus dem Herzen. 

©Barbara Ohl

Leseprobe


Der Kamerad Matze

Da lag er, im Dreck. Die Augen weit aufgerissen, nackte Angst war darin zu lesen. Angst, die ihm fast den Verstand raubte. Sie kroch in ihn hinein, wie eine hinterlistige Schlange, wand sich in seinem Magen und Darm. Dann setzte auch noch diese erbarmungslose Kälte ein, die in die Knochen schlich, bis in jede Zelle seines Körpers. Die Nacht brach herein und Günther kauerte, tief geduckt, in seinem Schützenloch. Die dritte Nacht in diesem Loch, die dritte Nacht, in der er und seine Kameraden durch die Hölle gingen. Sie lagen pausenlos unter Beschuss und waren eingekesselt. Vor drei Tagen gab der Zugführer den Befehl sich hier im Wald einzugraben, weil es kein Durchkommen mehr gab. Der Feind war überall, über ihnen, vor ihnen und auch hinter ihnen. Ein Melder wurde zur zehn Kilometer entfernten Kompanie geschickt, um Unterstützung zu holen. Niemand wusste, ob er es geschafft hatte, sich durch die feindliche Linie zu schleichen. Das war vor zwei Tagen. Der Zug, dem Günther angehörte, bestand gerade mal noch aus neun Soldaten und jede Nacht wurden es weniger. Ursprünglich waren zwanzig Mann in dem Zug. Elf Gefallene, wenn man Olaf mitzählte. Der hatte sich gestern Nacht seinen Gewehrlauf in den Mund gesteckt und abgedrückt. Der Zugführer hat getobt und geschrien: »Drückeberger, Verräter ... das ist Vaterlandsverrat!« Olaf lag in seinem Loch, nur noch mit halbem Schädel und einem zerknitterten Zettel auf dem, ein paar Abschiedsworte standen. Günther musste sich übergeben. Olaf war ein stiller, blasser Junge von neunzehn Jahren. Er wollte nicht in den Krieg ziehen. Er wollte lieber Pianist werden, doch sein Vater, ein Major, hochdekoriert, zwang ihn, sich »freiwillig« zu melden. Günther hatte sich freiwillig gemeldet. Er war noch keine Achtzehn, besuchte das Gymnasium. Die Parolen, die man ihnen eintrichterte, blieben nicht ohne Wirkung. Seine Anschauung von Krieg war glorifiziert und für sein Vaterland und den Führer zu sterben wäre für ihn das Größte. Er wollte kämpfen in vorderster Reihe, er wollte Rache für seinen Vater, der schon zu Kriegsbeginn gefallen war. Diese Sichtweise revidierte er schon in den ersten Tagen an der Front. Nie zuvor hatte er den Tod gerochen, nie zuvor so durchdringliche Schreie von erwachsenen Männern gehört. Nie zuvor so viele tote Augen, die aus lebendigen, ausgemergelten Gesichtern schauten. Sie verfolgten ihn bei Tag und bei Nacht. Ließen ihn nicht schlafen. Diese Augen erschreckten ihn, machten ihm Angst. Angst machten ihm aber auch die Menschen, die verrohten, die kein Mitgefühl mehr kannten, die keinerlei Moral mehr hatten. Und von denen gab es einfach noch zu viele, sein Zugführer zählte auch zu denen.

©Barbara Ohl

Leseprobe

Erpressung


Thomas balancierte das Tablett mit den Drinks durch die enge Gasse von Tischen in dem Lokal, das sehr gut besucht war. Irgendjemand rempelte ihn an und ein Glas kippte um. Ein Schrei und die Frau am Nischentisch sprang auf, wischte sich mit einer hektischen Geste die Flüssigkeit von ihrem viel zu kurzen Rock. Wütend schaute sie ihn an. Thomas entschuldigte sich vielmals, zog sein Taschentuch hervor und war ihr behilflich. Bettinas Wut legte sich schnell, als sie sah, welch ein toller Typ da vor ihr stand. Er setzte sich zu ihr. Vom Sehen kannte er sie und auch ihren Ruf, der eilte ihr kilometerweit voraus. Er war nicht der Beste. Heute Abend störte ihn das nicht. Bettina, eine Frau von fünfundvierzig Jahren, die nichts ausließ, wirklich nichts. Sie trank zu viel, schmiss sich alle möglichen Pillen ein und kokste. Und ... sie konnte nicht Nein sagen, zu keinem Mann. Sie nahm alles mit, was sie kriegen konnte. Aber Keiner blieb bei ihr, keiner hielt es bei ihr aus. »Für einen One-Night-Stand ist sie ja OK, die macht alles mit.«, sagte mal ein Bekannter von Thomas und genau daran musste er jetzt denken. Eine gute Gelegenheit, auch einmal zum Zuge zu kommen und die Nacht so zu beenden, dachte er. Bettina machte auch direkt deutlich, worauf sie hinaus wollte. Zärtlich streichelte ihre Hand seinen Oberschenkel und ihre Zunge glitt lasziv über ihre roten Lippen. Thomas war normalerweise zurückhaltend und schüchtern, aber sie machte ihn nervös, heizte ihm tüchtig ein.  Sie tranken noch einige Wodka-Cola und verließen das Lokal, um zu ihr nach Hause zu gehen. Gehen war vielleicht zu viel gesagt, Bettina hing an seinem Arm, weil ihr die Beine nicht mehr gehorchen wollten.
©Barbara Ohl

Leseprobe


Fliegen

Langsam öffnest du deine Augen, brauchst eine Weile, um deine Gedanken zu sortieren. Da liegst du, quer über dem Sessel, wie ausgespuckt. Alles tut dir weh, der rechte Arm ist vollkommen eingeschlafen und der Nacken ist steif. Die Zunge klebt am Gaumen und der Geschmack verursacht dir Brechreiz. Du blinzelst zum Tisch hinüber, aber da steht nur eine leere Flasche Wein, ein Weinglas mit einem kleinen Rest und ein übervoller Aschenbecher. Vorsichtig rappelst du dich hoch, schleichst ins Badezimmer. Der kalte Waschlappen tut deinem Kopf gut und ein Schluck Wasser. Die Zahnbürste kannst du dir noch nicht in den Mund stecken, du würdest dich höchstwahrscheinlich übergeben. Es geht schon auf Mittag zu, aber das ist egal, du hast ja Urlaub. Jetzt einen Kaffee, eine Zigarette und zwei Kopfschmerztabletten, dann wird es schon wieder gehen. Mit der Tasse in der Hand gehst du zurück zu deinem Sessel, drehst das Radio auf, da läuft gerade Otis Redding "Pain in my heart" und steckst dir eine Zigarette an. Du denkst über dein Leben nach, wie es war und wie es heute ist. Eigentlich ist es egal, es war früher nicht gut und heute ist es nicht besser. Deine Ehe war eine einzige Katastrophe. Schon nach drei Monaten hat er sich als Choleriker entpuppt und du hast ihn gefürchtet. Jedes laute Wort ließ dich zusammen zucken. Bei jedem Tobsuchtsanfall hast du dich verkrochen. Das Tragische war, je stiller du wurdest, umso mehr hat er getobt. Er brauchte keinen Grund, wenn ihm danach war, fand er schon irgendetwas. So verging Monat für Monat und Jahr für Jahr. Dein Konsum an Schmerztabletten, Beruhigungspillen und Antidepressiva war enorm. Ohne diese Medikamente konntest du schon nicht mehr existieren. Mittlerweile konsultiertest du drei Ärzte, die dir alle das Gleiche verschrieben, so fiel der hohe Verbrauch nicht auf. Mit diesen Pillen konntest du fliegen, sie ließen dich abheben in eine andere Welt. Sie schenkten dir die Träume, die du zum Überleben so dringend benötigtest. Dann kam der fünfte Hochzeitstag. Er kam von der Arbeit, sehr schlecht gelaunt und du hast schon geahnt, was da noch kommt. Der Tisch war hübsch gedeckt, hattest das beste Geschirr hervorgeholt und der Braten war im Ofen. Du holst den Sekt aus dem Kühlschrank, um ihn zu besänftigen und bittest ihn die Flasche zu öffnen. Er schaut dich entgeistert an, als hättest du ihn zutiefst beleidigt und dann fängt er auch schon an zu toben. Schlagende Worte fliegen durch den Raum. Er schreit dich in Grund und Boden. Ganz klein bist du schon. Er schreit hässliche Wunden in deine Seele und du weißt nicht, wohin du fliehen sollst. Später am Abend liegst du in deinem Bett und weinst still in dich hinein.
Der Morgen kriecht fahl durch die Fensterscheibe und du hast einen Entschluss gefasst. Du wirst ihn noch heute verlassen. Du packst deine Klamotten, zitterst am ganzen Leib und dein Magen droht zu rebellieren. Dann telefonierst du mit dem Immobilienmakler. Ein winziges, möbliertes Ein-Zimmer-Apartment ist schnell gefunden. Der Taxifahrer ist dir behilflich mit den drei Koffern und schon ziehst du in dein neues Heim.
Dann folgten zwei Jahre, in denen du noch mal durch die Hölle gingst. Die Scheidung war eine hässliche, schmutzige Angelegenheit. In jeder freien Minute, die er hatte, stellte er dir nach. Er hat dich angefleht und gebettelt zurückzukommen, er hätte sich doch geändert. Ein anderes mal packte ihn wieder diese Wut, dann hat er dich angebrüllt, dich bedroht. Die Angst fraß sich in dir fest und beherrschte dein Leben und nur mit Hilfe deiner Tabletten konntest du sie einigermaßen unter Kontrolle halten. Eine einstweilige Verfügung verbot ihm schließlich, sich dir zu nähern. Aber auch das nahm dir die Angst nicht. Immer öfter flüchtest du dich in deinen Medikamentenrausch und deinen Alkoholrausch. Dieser Zustand schenkt dir Träume, wunderschöne Fantasien und die so ersehnte Freiheit. Es machte dir möglich, während der Exzesse völlig losgelöst von deinen Ängsten, von deiner Umwelt, von deinem Ich zu fliegen. Traumhafte Landschaften ziehen an dir vorbei. Wiesen so saftig grün, Pferde, die um die Wette laufen und das Meer mit seinen weißen Stränden und schreiende Möwen. Musik, so zart und leise, dass nur du sie hören kannst. Du liebst dieses Gefühl, wenn die Wirkung der Pillen und des Alkohols einsetzt. Dieses Schweben, dieses körperlose dahin Gleiten, bis du dann in eine tiefe Dunkelheit stürzt. Das Erwachen ist meist schmerzhaft und dir ist kotzelend, aber du tust es jeden Abend wieder.
 Da sitzt du in deinem Sessel und die Tränen laufen dir übers Gesicht. Du fühlst dich so schrecklich alleine, so hilflos und du hast Mitleid mit dir selbst. Davon laufen, das wäre die Lösung, davon laufen vor all den Problemen, vor der Abhängigkeit und vor dir selbst. Nur ein Traum kann dir jetzt helfen dieses Leben zu ertragen. Die Flasche Wein ist schnell entkorkt und deine Pillen liegen auf dem kleinen Bestelltisch. Du beginnst abzuzählen, davon zwei, davon zwei, davon auch noch zwei und ein Glas Wein zum Runterspülen. Ein Glas noch für zwischendurch. Man müsste einen Riegel vor diese verdammte Tür im Kopf schieben, alles vergessen, nichts mehr spüren, denkst du. Verlorene Träume wandern wie Schatten durch das Zimmer, fallen über dich und du hast nur noch einen Wunsch, diese Welt hinter dir lassen. Einfach fortgehen, unbemerkt, unerreichbar weit, bis ans Ende der Zeit und noch einmal von vorne träumen. Du leerst die Medikamenten Schachteln aus, nimmst eine Handvoll in den Mund und würgst sie mit Wein hinunter. Das wiederholst du, bis keine einzige Pille mehr übrig ist. Mit glasigen Augen starrst du vor dich hin, du weißt, was du getan hast und es ist in Ordnung. Du fliegst, du bist frei und du siehst den Himmel so blau und einladend, Blumen in leuchtenden Farben mit harmonischen Düften. Du schmeckst das Meer und die Sonne. Die Wellen rauschen durch deinen Kopf, durch deinen Körper und dann stürzt du in eine bodenlose Dunkelheit.

©Barbara Ohl

Die weiße Wut

 

Mit wutverzerrtem Gesicht stand Michael in der Runde. Die Bierflasche fest im Griff, die er dann mit Schwung auf die Kante des Tresens schlug. Nun hatte er nur noch ein abgebrochenes, zackiges Stück Flaschenhals in der Hand. Damit stürmte er Richtung Klaus. Der ihn vollkommen entsetzt anstarrte, unfähig sich zu bewegen. Alles kam so plötzlich. Nun versuchten vier Männer, Michael von seinem Vorhaben abzubringen. Sie stürzten sich auf ihn, entwaffneten ihn und schleiften ihn vor die Tür der Gaststätte. »Lass dich hier nicht mehr blicken, du verdammter Psychopath!«, schrie ihm einer nach. Michael torkelte die Straße entlang, direkt vor ein Auto. »Kannst du nicht aufpassen, Idiot!«, rief der Fahrer aus dem herunter gelassenen Fenster. Die Antwort war ein kräftiger Fußtritt gegen den Kotflügel, ehe er wütend weiter lief. Er war immer wütend. Wütend auf Jeden und Alles. Einen anderen Gefühlszustand kannte er nicht, nur diese brodelnde Wut in sich. Und es war egal, ob er unter Alkoholeinfluss stand oder nüchtern war. Wie ein nie endendes Gewitter in seinem Kopf, das sich ständig neu und stärker auflädt. Keine Liebe, kein Mitgefühl für andere Menschen, am Allerwenigsten für sich selbst. Warum das so war, darüber machte er sich keine Gedanken. Er war halt so, fertig. Sollten doch die Anderen damit klarkommen.

©Barbara Ohl

Leseprobe

 


Der Einbrecher

 

 

 

Sabine klingelt, hämmert an die Tür und ruft: "Oma, Oma, mach doch die Tür auf!" Nach einer Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkommt, hört sie von drinnen die Stimme ihrer Oma und gleich darauf wird die Tür zaghaft geöffnet. "Was ist denn jetzt schon wieder los? Was sollen diese ständigen Anrufe?", poltert Sabine gleich ärgerlich los. "Ich bin spät dran. Ich muss die Kleine noch in den Kindergarten bringen und dann ins Büro". "Guten Morgen, Binchen,", flüstert Berta mit schuldbewusster Stimme. "Ich habe heute Nacht wieder etwas gehört, hier ist ein Einbrecher im Haus. Die Geräusche kamen vom Dachboden". Sabine wurde jetzt richtig zornig: "Oma, wie oft denn noch! Da oben ist Nichts, das bildest du dir nur ein. Das ist alles nur in deinem Kopf, das sind irgendwelche Hirngespinste!". "Aber ... ", Berta versuchte etwas zu entgegnen, aber die Enkelin schnitt ihr mit einer unwirschen Geste das Wort ab. Berta wollte ihr erzählen, dass sie eine Stimme gehört hatte, die durch die Wand zu ihr sprach, aber dann traute sie sich nicht mehr. "Ich muss los und hör auf solche Geschichten zu erzählen, man könnte ja denken, du hättest den Verstand verloren", flüchtig küsst sie die Oma auf die Stirn und die Tür fällt hinter ihr ins Schloss.

 

Oma Berta war entsetzlich traurig und sie fühlt sich so allein gelassen. In Gedanken fragt sie sich, warum ihr Niemand glaubt, sie denkt sich diese Geschichte doch nicht aus, sie hat doch noch alle fünf Sinne beisammen. Am Abend nimmt sich Berta vor, wach zu bleiben. Sie hat zwar Angst und ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, aber sie braucht den Beweis, dass sie nicht verrückt ist. Sie macht die kleine Nachttischlampe an, setzt sich aufrecht ins Bett, wartet und wartet, hört gespannt auf jedes Geräusch. Dann übermannt sie doch die Müdigkeit und sie fällt in einen leichten Dämmerschlaf. Plötzlich geht die Tür zu ihrer Schlafstube auf und eine dunkle Gestalt steht an ihrem Bett. Eine angenehme Stimme sagt vertrauensvoll: "Guten Abend, Berta. Wir kennen uns ja schon ein bisschen. In der letzten Zeit habe ich ab und zu nach dir gesehen. Ich weiß, du hast auf mich gewartet. Die Zeit ist da und wir können uns gemeinsam auf den Weg machen". Wie durch eine Nebelwand nimmt Berta den Schatten und die Stimme wahr. "Ja, es ist Zeit", murmelt sie, halb wach, halb in ihrem Traum gefangen.

 

Am nächsten Morgen klingelt und hämmert Sabine an die Tür, doch die Tür wird ihr nie wieder geöffnet.

 

©Barbara Ohl

aus dem Buch "Die Verlorenen dieser Welt" Autorin Barbara Ohl

 



Der Geschmack von Gras

Er erhob sich, rückte seine Kleidung zurecht und blinzelte in das Licht der aufgehenden Sonne: »Und wie soll es jetzt weitergehen?«, dachte er, die Hände vor die Augen haltend. Er hatte sich gestern Abend wieder einmal einen Schuss gesetzt, träumte sich in eine andere Welt. Die Dämmerung kam schnell und sein Dasein wurde erträglicher. Schwerelos glitt er hinüber und im Mondlicht hat er mit dem Teufel getanzt - bis zur Bewusstlosigkeit. Nun war er zurückgekehrt aus dieser bodenlosen Dunkelheit mit einem bitteren Geschmack im Mund. Langsam öffnete er seine Augen ganz. Er schaute sich in seiner Bude um: "Ich bin ein Schwein!", sagte er zu sich selbst. Die Klamotten lagen verstreut auf dem Boden und der Matratze, die ihm als Bett diente, Essensreste verschimmelt auf der Anrichte und ein Brei aus Erbrochenem in der Spüle. Es klopfte: "Die Tür ist offen.", krächzte er und ließ sich auf einen wackeligen Stuhl fallen. "Wie sieht es denn hier aus? Was ist los mit dir?", fragte Julia entsetzt. Er kannte Julia schon aus dem Kindergarten. Sie hatte ihn damals dazu gebracht einen Entzug zu machen. Danach schien alles Gut zu werden, er war clean und der Betrieb, bei dem er als Mechatroniker gearbeitet hatte, stellte ihn wieder ein. "Peter, was ist passiert? Ich war nur vier Wochen in New York, komme zurück und finde dich in diesem Zustand vor!", traurig kamen diese Worte aus ihrem Mund, ohne die Spur eines Vorwurfs.
Sie hatte schon viel erlebt mit Peter. Damals, sie waren gerade siebzehn Jahre alt, hat er seine Eltern durch einen Autounfall verloren. Das Jugendamt brachte ihn bis zu seinem achtzehnten Geburtstag, in einem betreuten Wohnheim unter. Verwandte hatte er keine mehr. Peter veränderte sich zusehends. Das Abi hat er gerade so geschafft und die Lehre als Mechatroniker auch gerade so. Er wurde immer depressiver und war vollkommen in sich gekehrt. Sie sahen sich nicht mehr so oft, wie in der Schulzeit aber Julia machte die Veränderung von Peter Angst. "Sag mal, nimmst du irgendwelche Drogen?", hat sie ihn mehrmals gefragt. "Unsinn, mir geht es halt nicht so gut", oder er sagte: "Ich bin einfach nicht gut drauf." Bis zu dem Tag, an dem sie unverhofft bei ihm hereinplatzte. Zusammen gekauert lag er auf der Matratze, das Besteck und eine Spritze daneben. Sie war geschockt: "Nicht Peter, nein, nicht er." Sie waren immer gute Freunde gewesen und sie konnte ihn jetzt nicht alleine lassen. Nach mehreren Stunden erwachte er langsam aus seinem Rausch. Völlig irre schaute er Julia an: "Was machst du denn hier? Wie bist du hereingekommen?" Ohne eine Antwort ab zu warten schwankte er ins Badezimmer. Als er wieder in das Zimmer kam, hatte Julia bereits Kaffee gekocht und stellte ihm einen großen Humpen hin. "So, und jetzt mal raus mit der Sprache. Ich will keine Lügen mehr hören. Sag mir endlich die Wahrheit, was ist mit dir los?", fragte sie energisch. Peter setzte sich neben sie an den kleinen runden Tisch, hielt den Kaffeebecher mit beiden Händen und trank einen großen Schluck. Zögernd begann er zu erzählen: "Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Ich geriet da in so eine Clique, die haben Gras geraucht und mit Tabletten rum experimentiert. Gras rauchen fand ich toll, meine Träume lebten wieder, waren bunter. Dann tauchte irgendwann ein Typ auf, der vertickte Heroin. An diesem Abend fühlte ich mich schrecklich mies und dann ließ ich mich überreden, es auch zu probieren. Ob du es jetzt glaubst oder nicht, das war das geilste Erlebnis, das ich je hatte. Ich hörte Musik und Gesang in meinem Kopf. Ich sah Farben und nahm Gerüche wahr, die ich nie zuvor kannte. Mir wurde zum ersten Mal seit Jahren wieder warm und ein unbeschreibliches Glücksgefühl breitete sich in meinem ganzen Körper aus. Dieser Zustand könnte ewig dauern und ich sorgte dafür, dass sich dieses Befinden so oft wie möglich einstellte. Drogen kosten eine Menge Geld, so habe ich meine Freunde beklaut, meinen Chef beklaut und letztendlich meine Arbeit verloren. Das ist so in groben Zügen alles.” Langsam quollen Tränen aus seinen rotgeränderten Augen. “Julia, was soll ich nur tun? Kannst du mir helfen?" Julia hat ihm geholfen. Sie brachte ihn zu einem Arzt, von dort in eine Klinik zum Entzug. Peter machte richtig gut mit bei der Therapie. Alle, die Ärzte, die Betreuer und Julia merkten, dass es ihm Ernst war und er brachte einen ungeheuren Willen auf um wieder clean zu werden. Julia bezahlte die Schulden, die er bei seinem Chef hatte und der stellte ihn nach Beendigung seiner Therapie auch wieder ein. Fürs Erste nur probeweise. Kurze Zeit darauf musste Julia beruflich nach New York und er versprach ihr keine Dummheiten zu machen.
Und nun saßen sie wieder an dem kleinen runden Tisch und Peter hatte auf all die Fragen, die Julia ihm stellte, keine Antworten. Antworten hätte er gehabt, aber die behielt er für sich. Er wollte nicht reden. Ihre Gesellschaft war ihm lästig. Sie störte ihn. Julia redete auf ihn ein, versuchte, ihm ein Wort zu entlocken. Peter verbarg seine Emotionen hinter einer Mauer aus Schweigen. “Lass mich einfach in Ruhe und geh jetzt, bitte.”, sagte er müde. Ihre Nähe machte ihm Angst. Schweren Herzens verließ sie ihn, sie wollte morgen noch mal nach ihm sehen. Endlich war er wieder alleine. Eine traurige Gleichgültigkeit machte sich in ihm breit. Peter fühlte sich nirgends mehr zu Hause, auch nicht in sich selbst. Mit einem Seufzer ließ er sich auf die Matratze fallen. Die Depressionen hatten ihn in die Enge getrieben und die Angst vor diesem Leben würgte ihm die Kehle. Peter konnte die Last seines Daseins nicht mehr auf sich nehmen, sie erdrückte ihn. Er war gefangen in einer Welt, die nicht die seine war. Der Schmerz fraß ihm die Seele auf und die Dunkelheit zog ihn magisch an.
Julia fand ihn am nächsten Tag, die Nadel steckte noch in seinem Arm, seine gebrochenen Augen waren weit aufgerissen. Das Letzte was Peter sah, war ein Meer aus Farben und er schmeckte das Gras der Wiese, hinter seinem Elternhaus.

©Barbara Ohl

Tuschezeichnung: ©Ohl

Bleistiftzeichnung ©Barbara Ohl/97

Wenn das Herz friert
Die Nacht weicht endlich dem frühen Morgen. Neblig und trüb ist er, aber immer noch besser als die dunkle, kalte Nacht, denkst du, in der du dich von einer Seite auf die andere wälzt, doch nicht schlafen kannst und Gedanken ständig kreisen. Du stehst am Fenster und schaust hinaus, die Kaffeetasse mit beiden Händen umklammert, als ob du dich an ihr festhalten musst. Der Rabe auf dem gegenüberliegenden Dachfirst schaut dich frech an, fliegt dann auf und davon in den verregneten Himmel. Es ist Oktober und eigentlich schon zu kalt für die Jahreszeit. Jedenfalls empfindest du das so, aber dir ist immer kalt nicht nur von außen auch von innen. Dein Herz, deine Seele frieren und da helfen auch keine dick gestrickten Strümpfe und kein dicker, flauschiger Bademantel. Langsam drehst du dich um und gehst zu der altersschwachen Kaffeemaschine, die immer Geräusche macht, als würde sie jeden Moment ihren Geist aufgeben. Sie rangst und zischt, hast dich aber schon lange an diese Laute gewöhnt. Du brauchst noch einen Kaffee um die Müdigkeit aus den Knochen zu vertreiben. Nur Schweigen um dich herum, außer der alten Kaffeemaschine. Schweigen in dir selbst und zwischen dir und anderen. In der gemütlichen Küche war immer Leben gewesen. Solange du denken konntest, hat sich dein Leben in dieser Küche abgespielt und wenn Besuch kam, saßen sie auch am liebsten in der Küche. Es war einfach gemütlich und heimelig. Und jetzt diese unerträgliche Stille und diese merkwürdige Kälte, die aus deinem Inneren zu schleichen scheint. Du setzt dich mit deiner Kaffeetasse an den Küchentisch und starrst auf den leeren Platz dir gegenüber. Dort saß dein Wolfgang fünfundvierzig Jahre zu jeder Mahlzeit und auch zwischendurch. Sicher, die Stühle und der Tisch wurden irgendwann einmal gegen neue ausgetauscht, aber Wolfgang war immer da. Nur jetzt nicht mehr. Dann starrst du auf den Kaffeefleck auf dem Tisch. Seit 3 Monaten betrachtest du jeden Tag diesen Fleck, kannst ihn nicht wegwischen, kannst dich einfach nicht von diesem Fleck lösen. Was hatte Wolfgang alles für Pläne gemacht seit er in Rente war. Das Haus wollte er renovieren, ein neues Bad einbauen und endlich sollte ihr gemeinsamer Traum in Erfüllung gehen, eine längere Urlaubsreise nach Frankreich in die Camargue. Mit einem Schlag hattest du ausgeträumt. Betrachtest jetzt den leeren Stuhl, ganz schief stand er an dem Tisch, hast ihn nicht mehr bewegt, hast einen großen Bogen darum gemacht. Du fängst an zu zittern vor Kälte, hast das Gefühl, als legten sich winzige Eiskristalle um dein Herz. Denkst an den Morgen als Wolfgang dir, wie gewöhnlich, aus der Tageszeitung vorlas, dann plötzlich die Kaffeetasse umgestoßen hatte und tot auf diesem Stuhl zusammengebrochen war. Du fragst dich, ob du jetzt für den Rest deines Lebens so frieren wirst oder ob es besser wäre, sich auf den Weg zu machen. Auf den Weg zu Wolfgang.
©Barbara Ohl
Gewinnerin des Kurzgeschichten-Wettbewerbs Writer`s Inn Award
aus dem Buch "Die Verlorenen dieser Welt"