Der Kamerad Matze

Da lag er, im Dreck. Die Augen weit aufgerissen, nackte Angst war darin zu lesen. Angst, die ihm fast den Verstand raubte. Sie kroch in ihn hinein, wie eine hinterlistige Schlange, wand sich in seinem Magen und Darm. Dann setzte auch noch diese erbarmungslose Kälte ein, die in die Knochen schlich, bis in jede Zelle seines Körpers. Die Nacht brach herein und Günther kauerte, tief geduckt, in seinem Schützenloch. Die dritte Nacht in diesem Loch, die dritte Nacht, in der er und seine Kameraden durch die Hölle gingen. Sie lagen pausenlos unter Beschuss und waren eingekesselt. Vor drei Tagen gab der Zugführer den Befehl sich hier im Wald einzugraben, weil es kein Durchkommen mehr gab. Der Feind war überall, über ihnen, vor ihnen und auch hinter ihnen. Ein Melder wurde zur zehn Kilometer entfernten Kompanie geschickt, um Unterstützung zu holen. Niemand wusste, ob er es geschafft hatte, sich durch die feindliche Linie zu schleichen. Das war vor zwei Tagen. Der Zug, dem Günther angehörte, bestand gerade mal noch aus neun Soldaten und jede Nacht wurden es weniger. Ursprünglich waren zwanzig Mann in dem Zug. Elf Gefallene, wenn man Olaf mitzählte. Der hatte sich gestern Nacht seinen Gewehrlauf in den Mund gesteckt und abgedrückt. Der Zugführer hat getobt und geschrien: »Drückeberger, Verräter ... das ist Vaterlandsverrat!« Olaf lag in seinem Loch, nur noch mit halbem Schädel und einem zerknitterten Zettel auf dem, ein paar Abschiedsworte standen. Günther musste sich übergeben. Olaf war ein stiller, blasser Junge von neunzehn Jahren. Er wollte nicht in den Krieg ziehen. Er wollte lieber Pianist werden, doch sein Vater, ein Major, hochdekoriert, zwang ihn, sich »freiwillig« zu melden. Günther hatte sich freiwillig gemeldet. Er war noch keine Achtzehn, besuchte das Gymnasium. Die Parolen, die man ihnen eintrichterte, blieben nicht ohne Wirkung. Seine Anschauung von Krieg war glorifiziert und für sein Vaterland und den Führer zu sterben wäre für ihn das Größte. Er wollte kämpfen in vorderster Reihe, er wollte Rache für seinen Vater, der schon zu Kriegsbeginn gefallen war. Diese Sichtweise revidierte er schon in den ersten Tagen an der Front. Nie zuvor hatte er den Tod gerochen, nie zuvor so durchdringliche Schreie von erwachsenen Männern gehört. Nie zuvor so viele tote Augen, die aus lebendigen, ausgemergelten Gesichtern schauten. Sie verfolgten ihn bei Tag und bei Nacht. Ließen ihn nicht schlafen. Diese Augen erschreckten ihn, machten ihm Angst. Angst machten ihm aber auch die Menschen, die verrohten, die kein Mitgefühl mehr kannten, die keinerlei Moral mehr hatten. Und von denen gab es einfach noch zu viele, sein Zugführer zählte auch zu denen.
Mitten in der Nacht zerrissen Granaten die Luft. Unweit schlug ein Flagggeschoss ein. Erde und Äste bedeckten sein Schützenloch und er musste sich wieder freischaufeln, immer darauf bedacht, den Kopf tief unten zu halten. Er hatte kein Gefühl mehr in seinen Händen und Füßen. Sie waren steif gefroren. Sein Gesicht war vor Kälte und Angst zu einer Maske erstarrt. Günther sackte zusammen, weinte hemmungslos: »Mutter, hätte ich doch nur auf dich gehört.« Plötzlich sprang ein Soldat zu ihm ins Loch. Er hatte eine hässliche Wunde am Kopf. »Na, Junge, alles klar?« Günther wischte sich mit seinen eisigen Händen unbeholfen über das Gesicht. »Musst dich nicht schämen für deine Tränen. Solange du noch weinen kannst, lebst du.«, sagte der Kamerad. »Ich bin der Lothar, aber alle nennen mich Matze. Das ist ja ne schöne Scheiße, in der ihr hier steckt.« Und wieder zischten die Gewehrkugeln über ihre Köpfe hinweg. Matze duckte sich und zog Günther mit hinunter. »Aufpassen, Kleiner!«, mahnte er ihn. »Sonst schießen sie dir ein Loch in den Kopf, wie ich eins habe und das kann wirklich böse enden.« »Hat es sehr weh getan?«, fragte Günther. »Nein, eigentlich nicht. Nur im ersten Moment und dann habe ich nichts mehr gespürt.« »Deine Wunde sieht aber wirklich grauenvoll aus. Warst du im Lazarett?« »Die konnten mir nicht helfen, also mache ich weiter.«, entgegnete Matze leise. »Irgendwann muss doch dieser sinnlose Krieg vorbei sein. Das Morden muss ein Ende haben.« Matze schüttelte langsam den Kopf: »Ich will nach Hause. Ich bin müde. Meine Frau und meine beiden Kinder warten auf mich. Im Frühjahr müssen die Felder wieder bestellt. Der Vater ist schon zu alt und die Feldarbeit zu schwer für ihn. Wir müssen doch alle satt werden. Wir haben jetzt lange genug gehungert und schon zu lange gekämpft. Der Krieg ist sowieso verloren.« Er machte eine lange Pause, hing seinen Gedanken nach. »Und du, Junge, wie kommst du hierher?« »Ich habe mich freiwillig gemeldet, wollte unbedingt an die Front.«, flüsterte Günther schüchtern. »Ich war damals von der Richtigkeit meines Entschlusses überzeugt und Mutter weinte. Immerzu sehe ich ihre traurigen Augen, höre ihr Flehen.« Das Mondlicht fiel auf sein aschgraues Gesicht, in dem nur die rotgeränderten Augen hervorstachen: »Ich habe ihr das Herz gebrochen. Zuerst fiel mein Vater und dann verließ ich sie auch noch, just in einer Zeit, in der sie mich am dringendsten gebraucht hätte.« Wieder zischte es durch die Luft. Matze warf sich schützend über Günther. Dann wurde es plötzlich still. Schnee fiel lautlos vom Himmel. Gespenstig und unwirklich wirkte die Umgebung nun.
Matze klopfte ihm auf die Schulter: »Alles gut! Du wirst diesen dreckigen Krieg überleben und wieder nach Hause kommen. Nicht wie diese vielen Millionen Menschen, die unschuldig in den Tod getrieben wurden.« »Ach, was redest du ... Millionen, das ist noch lange keine Million.«, warf Günther ein. »Junge, du hast noch nicht genug gesehen. Züge, an die man endlose Waggons gehängt hat, voll gepfercht mit Menschen. Wie Vieh werden sie transportiert. Durch halb Europa rattern diese Züge, verbreiten Angst und Schrecken. Die, die nicht auf dem Transport sterben, werden in Lager gebracht und dort vergast. Die Nazis nennen das »Endlösung«. »Sprich nicht so laut.« Günther legte seinen Zeigefinger auf die Lippen. »Das kann man gar nicht laut genug sagen. All diese hohlen Phrasen, diese dumme, aber gefährliche Propaganda ... dagegen muss man ankämpfen. Aber mit Verstand und Vernunft, nicht mit Waffen. Der Mensch hat nichts Besseres zu tun, als zu hassen. Menschen hassen Menschen. Und das, weil der Andere vielleicht eine andere Religion, eine andere Hautfarbe hat; eine andere Sprache spricht oder eine ganz andere Lebensweise hat. Menschen werden manipuliert, infiziert mit Hass. Bedenkenlos zerstören wir in unserer Maßlosigkeit und in unserem Hass. Wir töten Menschen, töten Tiere und sind so damit beschäftigt zu hassen, dass wir nicht merken, dass wir uns selbst zerstören. Wir machen uns alle schuldig, auch die, die schweigen und wegschauen.«
Schnee fiel auf die Erde, hüllte den Wald in einen grotesken Zauber. Irgendwie passte das nicht zusammen, Schnee und Blut, dachte Günther. Erschrocken öffnete er die Augen. Er war eingeschlafen. Seit einer kleinen Ewigkeit, das erste Mal, dass er richtig geschlafen hatte. Matze, sein Kamerad, war weg, spurlos verschwunden. Er rief nach ihm, doch es kam keine Antwort. Günther kletterte aus seinem Loch, robbte zum nächsten. Was ihn dort erwartete, wusste er nicht, aber er nahm all seinen Mut zusammen und sprang zu dem Soldat, in dessen Unterschlupf. Lars, sein Kumpel, lag zusammen gerollt im Dreck, schreckte aber hoch, als er Günther sah. Erleichtert fragte Günther ihn: »Sag mal, kennst du einen Lothar, Matze genannt?« »Ja, der stieß vor einiger Zeit zu uns, war wohl der Einzige, der von seinem Haufen übriggeblieben war. Matze war ein guter Kamerad.« »War?«, fragte Günther entsetzt. »Ja, ihn hat es vor drei Tagen, gar nicht weit von hier, erwischt. Immer erwischt es die, die es verdient hätten, wieder nach Hause zu kommen. Nie die Schinder, die Großkotzigen. Kopfschuss ... er war auf der Stelle tot.« Günther viel die Kinnlade herunter, ungläubig entgegnete er: »Das kann nicht sein. Er lag gestern Nacht bei mir im Schützenloch. Matze war zwar verletzt, aber er lebte.« Lars schüttelte wissend den Kopf: »Nein, mein Lieber, ich war dabei. Der Zugführer und ich haben ihn noch aus seinem Unterschlupf aus Ästen, Zweigen und Laub herausgezogen. Du hast wohl geträumt.«
Günther war verwirrt. Dass was er erlebt hatte, blieb ein Rätsel. Er hatte nicht geträumt, davon war er überzeugt. Nach weiteren sechs Monaten war der Krieg zu Ende, er konnte nach Hause. Es war Mai und er dachte wieder einmal an Matze. In Gedanken sah er ihn mit seiner Familie die Felder bestellen. Seine Mutter beobachtet ihn, fragte ihn, über was er nachdächte. »Ich denke an Matze.«, und er erzählte ihr dieses unbegreifliche Erlebnis. »Weißt du, mein Sohn, dieser Matze hat mich auch besucht und mir versprochen, dass du gesund nach Hause kommst. Er war dein Schutzengel, der über dich gewacht hat.«
©Barbara Ohl

Erpressung


Thomas balancierte das Tablett mit den Drinks durch die enge Gasse von Tischen in dem Lokal, das sehr gut besucht war. Irgendjemand rempelte ihn an und ein Glas kippte um. Ein Schrei und die Frau am Nischentisch sprang auf, wischte sich mit einer hektischen Geste die Flüssigkeit von ihrem viel zu kurzen Rock. Wütend schaute sie ihn an. Thomas entschuldigte sich vielmals, zog sein Taschentuch hervor und war ihr behilflich. Bettinas Wut legte sich schnell, als sie sah, welch ein toller Typ da vor ihr stand. Er setzte sich zu ihr. Vom Sehen kannte er sie und auch ihren Ruf, der eilte ihr kilometerweit voraus. Er war nicht der Beste. Heute Abend störte ihn das nicht. Bettina, eine Frau von fünfundvierzig Jahren, die nichts ausließ, wirklich nichts. Sie trank zu viel, schmiss sich alle möglichen Pillen ein und kokste. Und ... sie konnte nicht Nein sagen, zu keinem Mann. Sie nahm alles mit, was sie kriegen konnte. Aber Keiner blieb bei ihr, keiner hielt es bei ihr aus. »Für einen One-Night-Stand ist sie ja OK, die macht alles mit.«, sagte mal ein Bekannter von Thomas und genau daran musste er jetzt denken. Eine gute Gelegenheit, auch einmal zum Zuge zu kommen und die Nacht so zu beenden, dachte er. Bettina machte auch direkt deutlich, worauf sie hinaus wollte. Zärtlich streichelte ihre Hand seinen Oberschenkel und ihre Zunge glitt lasziv über ihre roten Lippen. Thomas war normalerweise zurückhaltend und schüchtern, aber sie machte ihn nervös, heizte ihm tüchtig ein.  Sie tranken noch einige Wodka-Cola und verließen das Lokal, um zu ihr nach Hause zu gehen. Gehen war vielleicht zu viel gesagt, Bettina hing an seinem Arm, weil ihr die Beine nicht mehr gehorchen wollten.
Thomas stand in der kleinen Wohnung, blickte sich um und das was er sah, erschreckte ihn. Hier roch es, wie in einer Kneipe am Morgen. Kalter Zigarettenqualm und ein schaler Geruch von Alkohol. Ein schreckliches Durcheinander breitete sich vor seinen Augen aus, schmutziges Geschirr, scheinbar vom Vorabend, auf dem Tisch. Daneben ein übervoller Aschenbecher. Saubere und schmutzige Wäsche verstreut in der ganzen Wohnung. Bettina störte das nicht und es war ihr auch nicht unangenehm. Schließlich sollte er hier ja nicht aufräumen und saubermachen. Sie schälte sich aus ihrem viel zu engen Top und streifte den Mini ab. In einem roten Slip stand sie am Küchentisch, wühlte in ihrer Handtasche, bis sie fand, was sie suchte. Eine kleine Tüte mit weißem Pulver, welches sie sich in die Nase zog. Thomas lehnte ab, als sie auch ihm etwas anbot. Er hatte absolut kein Interesse an Drogen. Als Jugendlicher, hat er auch schon mal Hasch konsumiert, aber wirklich gegeben hat es ihm nichts. Es war damals wohl eher der Gruppenzwang. Mit fahrigen Händen goss sie Wodka in zwei Wassergläser, reichte ihm eins. Thomas konnte gar nicht so schnell gucken, wie sie das volle Glas in sich hinein schüttete. Plötzlich riss sie die Augen auf, ihr Körper schien vollkommen zu verkrampfen und dann stürzte sie bewusstlos zu Boden. Der herbeigerufene Notarzt leistete erste Hilfe und Thomas schilderte ihm, was sich ereignet hatte. »Kommen sie morgen in die Klinik, dann wissen wir mehr und bringen sie Wäsche und was sie sonst noch so braucht mit.«, forderte ihn der Arzt auf. Thomas wollte etwas entgegnen, aber der Blick des Arztes ließ keinen Widerspruch zu.
Thomas ging nach Hause, das musste er erst einmal verarbeiten. Die Nacht, gebrochen und langsam, trieb der Morgendämmerung entgegen. Immer noch hatte er kein Auge zugetan. Die Gedanken kreisten wie in einem rasenden Karussell und irgendwie fühlte er sich schuldig. Er hätte sie aufhalten können, vom Trinken abhalten und vom Koksen. Aber er schaute nur zu. Er wollte einfach nur mit ihr ins Bett, eine schnelle Nummer, duschen und nach Hause oder umgekehrt, erst nach Hause und in seinem ordentlichen, sauberen Bad duschen. Nach dem Frühstück fuhr er in ihre Wohnung, versuchte, sich zurechtzufinden. Er fand saubere Wäsche und in dem kleinen Duschbad auch Waschzeug. Auf dem Wohnzimmertisch lagen ein paar Modehefte und Liebesromane, die packte er auch ein. Im Krankenhaus erfuhr Thomas, dass Bettina einen Schlaganfall erlitten hatte und dass sie es seinem schnellen Handeln zu verdanken hatte, noch am Leben zu sein. Er durfte zu ihr und da lag sie, kreidebleich und ohne aufdringliche Schminke. Jetzt sah man ihr das Alter an. Hübsch oder attraktiv war sie keineswegs. Sie sprach nicht viel. Das Sprechen bereitete ihr Probleme, aber er versprach, am nächsten Tag wieder vorbei zu kommen. So verging eine Woche und jeden Tag besuchte er sie. An einem Tag stand der Arzt bei ihr im Zimmer. Thomas wollte nicht über die Schwelle treten, doch er winkte ihn herein. Mit ernster, besorgter Mine teilte er Thomas mit, dass Bettina querschnittsgelähmt war. »Das muss nicht so bleiben. Mit einem starken Willen, viel Fleiß und der nötigen Unterstützung kann man diese Lähmung revidieren.«, sagte er und schaute Thomas hoffnungsvoll an. Und wieder würgten ihn die Schuldgefühle, wie so oft in den letzten Tagen. Er betrachtete dieses hilflos, weinende Bündel in den weißen Laken und versprach, sie mit all seinen Kräften zu unterstützen.
Drei Wochen Krankenhausaufenthalt und anschließend vier Wochen in einem Rehabilitationszentrum gingen vorüber. Thomas brachte unterdessen Bettinas Wohnung auf Vordermann. Räumte die Möbel um, sodass sie gut mit dem Rollstuhl zu befahren war. Als Bettina nach Hause kam, staunte sie, so hatte sie ihre Wohnung noch nie gesehen. Zur Begrüßung hatte er Schnitzel mit Bratkartoffeln und Salat gemacht. Nach dem Essen machte er den Abwasch und wollte sich verabschieden. Er machte ihr klar, dass er wieder zur Arbeit müsse und schließlich auch eine Wohnung habe. Sie bettelte, flehte und weinte. Sie appellierte an sein Mitgefühl, an seine Menschlichkeit. Thomas brachte es nicht mehr fertig, zu gehen. Sie tat ihm leid und er fühlte sich schuldig.
Seit drei Monaten lebte er jetzt bei Bettina. Sie wollte ständig Sex, eine Art Sex, die auf ihn brutal und abstoßend wirkte und von Tag zu Tag kostete es ihn mehr Überwindung, sie anzufassen. Alkohol war das Streitthema Nummer Eins. Bettina hatte wieder angefangen zu trinken und wenn sie dann lallend in ihrem Rollstuhl hing überkam ihn Ekel, nichts als Ekel. Da war keine Zuneigung, erst recht keine Liebe und Mitgefühl hatte er auch nicht mehr. Das Einzige, was er immer noch hatte, waren seine Schuldgefühle und dafür begann er sich und auch sie zu hassen.
Thomas versorgte sie, brachte sie dreimal die Woche zum Arzt und zur Krankengymnastik, hielt die Wohnung in Ordnung, ging einkaufen, kochte das Essen. Er tat, was ihm möglich war. Bettina war aggressiv, kommandierte ihn herum. Lief etwas nicht so, wie sie sich das vorstellte, fing sie an, hysterisch zu schreien, schleuderte, egal was ihr gerade in die Hände fiel nach ihm. Thomas versuchte die Probleme anzusprechen. Machte ihr klar, dass er sie nicht liebte und das es für sie keine gemeinsame Zukunft gab, drohte sie zu verlassen. Dann brach sie jedes Mal in einem Weinkrampf zusammen, bettelte, flehte, sie habe doch nur ihn. Also blieb er.
Mit der Zeit wurde das Zusammenleben immer schwieriger. Bettina wollte zu keinem Arzt mehr, zu keiner Therapie. Sie vernachlässigte ihre Körperhygiene und trank heimlich. Thomas konnte sich nicht erklären, wo sie den Alkohol herhatte. Sie wurde immer wütender, wegen jeder Kleinigkeit rastete sie aus. Ehemalige Freunde oder Bekannte ließen sich schon lange nicht mehr blicken. Thomas wurde oft gefragt, warum er sich das zumute, er wäre ihr doch in keinster Weise verpflichtet. Er hatte keine Erklärung, jedenfalls nicht für seine Freunde. Bedrückende Wochen schlichen dahin und nur  Schreie, Verwünschungen und laut herausgebrüllte Beleidigungen. An einem regenschweren Tag hielt er es auf der Arbeit nicht mehr aus. Er fuhr zu Bettina, wollte reinen Tisch machen. So konnte es nicht weitergehen, seine Nerven lagen blank. Thomas schloss die Wohnungstür auf und erstarrte. Bettina stand am Küchentisch ... ja, sie stand. Er konnte es nicht fassen. Erschrocken schaute sie ihn an. »Was wird hier gespielt? Welches Theater veranstaltest du hier?« »Ich ... ich ... ,« stotterte sie. »Ich will, dass du bei mir bleibst. Du musst hierbleiben!«, forderte sie in herrischem Ton, reckte energisch und trotzig den Kopf.  »Das hast du dir ja fein ausgedacht, aber so läuft das nicht!«, nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Hier läuft gar nichts mehr! Ich lasse mich doch von dir nicht erpressen. Wer, was bist du? Ein menschliches Wesen auf jeden Fall nicht. Du bist ein Ungeheuer!« Er ließ sie einfach stehen, eilte ins Schlafzimmer und packte seine sieben Sachen. »Ich bringe mich um!«, schrie Bettina hysterisch. »Ich werde dich nicht davon abhalten.«, entgegnete er. Eine gewisse Angst lag in seiner Stimme, obwohl er dem Ton Gleichgültigkeit verleihen wollte. Sie schrie unablässig. Wüsten Beschimpfungen folgten flehende Worte. Bettina ahnte, dass sie verloren hatte. Nach dem Schlaganfall erholte sie sich relativ schnell und konnte bald wieder auf ihren Beinen stehen. Sogar das Laufen mit Krücken war wieder möglich. Aber diese gesundheitlichen Fortschritte behielt sie für sich. Bettina hatte die kranke Vorstellung, Thomas auf diese Weise an sich zu binden. Verzweifelt schrie sie: »Du darfst mich nicht verlassen!«, und ließ sich auf den Fußboden fallen. Wimmerte und schrie abwechselnd. Thomas kam mit seiner Reisetasche aus dem Schlafzimmer, sagte ungerührt: »Das war es dann, Bettina. Melde dich nie wieder bei mir.« Er stieg über sie hinweg, schlug die Wohnungstür hinter sich zu.
Der Regen peitschte ihm ins Gesicht, irgendwie tat es ihm gut. Er fühlte sich wie befreit. Auch die Schuldgefühle waren verschwunden. Ein Griff in die Hosentasche, er hatte die Schlüssel auf dem Küchentisch vergessen. Mist, dachte er, drehte sich um und ging zurück. Keine Reaktion auf das Klingeln, auch nicht, als er gegen die Tür hämmerte. Kurzerhand telefonierte er nach dem Notruf. Kurze Zeit später trafen die Polizei, die Feuerwehr und der Notarzt ein. Die Tür wurde aufgebrochen und man fand Bettina auf dem Küchenboden liegend, daneben eine Flasche Brennspiritus, die sie ausgetrunken hatte. Sie war noch bei vollem Bewusstsein und wurde, nach der Erstversorgung, abtransportiert. Ein Polizist nahm die Aussage von Thomas auf und verabschiedete sich. Alle waren plötzlich wieder fort und er stand alleine in der Wohnung. Nein, nicht mit mir, nicht schon wieder, dachte er, diese Suppe, die sie sich da eingebrockt hat, soll sie selbst auslöffeln. Um sich die Hände zu waschen, ging er zur Spüle und ihm stieg der strenge Geruch von Brennspiritus in die Nase. Bettina, dieses Biest, schüttete wohl den Großteil in den Ausguss. Nein, sterben wollte sie nicht, sie wollte Thomas mit dem vorgetäuschten Selbstmordversuch erpressen. Er nahm seine Schlüssel, lächelte und verließ die Hölle. Er war endlich wieder frei.
©Barbara Ohl


Fliegen

Langsam öffnest du deine Augen, brauchst eine Weile, um deine Gedanken zu sortieren. Da liegst du, quer über dem Sessel, wie ausgespuckt. Alles tut dir weh, der rechte Arm ist vollkommen eingeschlafen und der Nacken ist steif. Die Zunge klebt am Gaumen und der Geschmack verursacht dir Brechreiz. Du blinzelst zum Tisch hinüber, aber da steht nur eine leere Flasche Wein, ein Weinglas mit einem kleinen Rest und ein übervoller Aschenbecher. Vorsichtig rappelst du dich hoch, schleichst ins Badezimmer. Der kalte Waschlappen tut deinem Kopf gut und ein Schluck Wasser. Die Zahnbürste kannst du dir noch nicht in den Mund stecken, du würdest dich höchstwahrscheinlich übergeben. Es geht schon auf Mittag zu, aber das ist egal, du hast ja Urlaub. Jetzt einen Kaffee, eine Zigarette und zwei Kopfschmerztabletten, dann wird es schon wieder gehen. Mit der Tasse in der Hand gehst du zurück zu deinem Sessel, drehst das Radio auf, da läuft gerade Otis Redding "Pain in my heart" und steckst dir eine Zigarette an. Du denkst über dein Leben nach, wie es war und wie es heute ist. Eigentlich ist es egal, es war früher nicht gut und heute ist es nicht besser. Deine Ehe war eine einzige Katastrophe. Schon nach drei Monaten hat er sich als Choleriker entpuppt und du hast ihn gefürchtet. Jedes laute Wort ließ dich zusammen zucken. Bei jedem Tobsuchtsanfall hast du dich verkrochen. Das Tragische war, je stiller du wurdest, umso mehr hat er getobt. Er brauchte keinen Grund, wenn ihm danach war, fand er schon irgendetwas. So verging Monat für Monat und Jahr für Jahr. Dein Konsum an Schmerztabletten, Beruhigungspillen und Antidepressiva war enorm. Ohne diese Medikamente konntest du schon nicht mehr existieren. Mittlerweile konsultiertest du drei Ärzte, die dir alle das Gleiche verschrieben, so fiel der hohe Verbrauch nicht auf. Mit diesen Pillen konntest du fliegen, sie ließen dich abheben in eine andere Welt. Sie schenkten dir die Träume, die du zum Überleben so dringend benötigtest. Dann kam der fünfte Hochzeitstag. Er kam von der Arbeit, sehr schlecht gelaunt und du hast schon geahnt, was da noch kommt. Der Tisch war hübsch gedeckt, hattest das beste Geschirr hervorgeholt und der Braten war im Ofen. Du holst den Sekt aus dem Kühlschrank, um ihn zu besänftigen und bittest ihn die Flasche zu öffnen. Er schaut dich entgeistert an, als hättest du ihn zutiefst beleidigt und dann fängt er auch schon an zu toben. Schlagende Worte fliegen durch den Raum. Er schreit dich in Grund und Boden. Ganz klein bist du schon. Er schreit hässliche Wunden in deine Seele und du weißt nicht, wohin du fliehen sollst. Später am Abend liegst du in deinem Bett und weinst still in dich hinein.
Der Morgen kriecht fahl durch die Fensterscheibe und du hast einen Entschluss gefasst. Du wirst ihn noch heute verlassen. Du packst deine Klamotten, zitterst am ganzen Leib und dein Magen droht zu rebellieren. Dann telefonierst du mit dem Immobilienmakler. Ein winziges, möbliertes Ein-Zimmer-Apartment ist schnell gefunden. Der Taxifahrer ist dir behilflich mit den drei Koffern und schon ziehst du in dein neues Heim.
Dann folgten zwei Jahre, in denen du noch mal durch die Hölle gingst. Die Scheidung war eine hässliche, schmutzige Angelegenheit. In jeder freien Minute, die er hatte, stellte er dir nach. Er hat dich angefleht und gebettelt zurückzukommen, er hätte sich doch geändert. Ein anderes mal packte ihn wieder diese Wut, dann hat er dich angebrüllt, dich bedroht. Die Angst fraß sich in dir fest und beherrschte dein Leben und nur mit Hilfe deiner Tabletten konntest du sie einigermaßen unter Kontrolle halten. Eine einstweilige Verfügung verbot ihm schließlich, sich dir zu nähern. Aber auch das nahm dir die Angst nicht. Immer öfter flüchtest du dich in deinen Medikamentenrausch und deinen Alkoholrausch. Dieser Zustand schenkt dir Träume, wunderschöne Fantasien und die so ersehnte Freiheit. Es machte dir möglich, während der Exzesse völlig losgelöst von deinen Ängsten, von deiner Umwelt, von deinem Ich zu fliegen. Traumhafte Landschaften ziehen an dir vorbei. Wiesen so saftig grün, Pferde, die um die Wette laufen und das Meer mit seinen weißen Stränden und schreiende Möwen. Musik, so zart und leise, dass nur du sie hören kannst. Du liebst dieses Gefühl, wenn die Wirkung der Pillen und des Alkohols einsetzt. Dieses Schweben, dieses körperlose dahin Gleiten, bis du dann in eine tiefe Dunkelheit stürzt. Das Erwachen ist meist schmerzhaft und dir ist kotzelend, aber du tust es jeden Abend wieder.
 Da sitzt du in deinem Sessel und die Tränen laufen dir übers Gesicht. Du fühlst dich so schrecklich alleine, so hilflos und du hast Mitleid mit dir selbst. Davon laufen, das wäre die Lösung, davon laufen vor all den Problemen, vor der Abhängigkeit und vor dir selbst. Nur ein Traum kann dir jetzt helfen dieses Leben zu ertragen. Die Flasche Wein ist schnell entkorkt und deine Pillen liegen auf dem kleinen Bestelltisch. Du beginnst abzuzählen, davon zwei, davon zwei, davon auch noch zwei und ein Glas Wein zum Runterspülen. Ein Glas noch für zwischendurch. Man müsste einen Riegel vor diese verdammte Tür im Kopf schieben, alles vergessen, nichts mehr spüren, denkst du. Verlorene Träume wandern wie Schatten durch das Zimmer, fallen über dich und du hast nur noch einen Wunsch, diese Welt hinter dir lassen. Einfach fortgehen, unbemerkt, unerreichbar weit, bis ans Ende der Zeit und noch einmal von vorne träumen. Du leerst die Medikamenten Schachteln aus, nimmst eine Handvoll in den Mund und würgst sie mit Wein hinunter. Das wiederholst du, bis keine einzige Pille mehr übrig ist. Mit glasigen Augen starrst du vor dich hin, du weißt, was du getan hast und es ist in Ordnung. Du fliegst, du bist frei und du siehst den Himmel so blau und einladend, Blumen in leuchtenden Farben mit harmonischen Düften. Du schmeckst das Meer und die Sonne. Die Wellen rauschen durch deinen Kopf, durch deinen Körper und dann stürzt du in eine bodenlose Dunkelheit.

©Barbara Ohl

Die weiße Wut

 

Mit wutverzerrtem Gesicht stand Michael in der Runde. Die Bierflasche fest im Griff, die er dann mit Schwung auf die Kante des Tresens schlug. Nun hatte er nur noch ein abgebrochenes, zackiges Stück Flaschenhals in der Hand. Damit stürmte er Richtung Klaus. Der ihn vollkommen entsetzt anstarrte, unfähig sich zu bewegen. Alles kam so plötzlich. Nun versuchten vier Männer, Michael von seinem Vorhaben abzubringen. Sie stürzten sich auf ihn, entwaffneten ihn und schleiften ihn vor die Tür der Gaststätte. »Lass dich hier nicht mehr blicken, du verdammter Psychopath!«, schrie ihm einer nach. Michael torkelte die Straße entlang, direkt vor ein Auto. »Kannst du nicht aufpassen, Idiot!«, rief der Fahrer aus dem herunter gelassenen Fenster. Die Antwort war ein kräftiger Fußtritt gegen den Kotflügel, ehe er wütend weiter lief. Er war immer wütend. Wütend auf Jeden und Alles. Einen anderen Gefühlszustand kannte er nicht, nur diese brodelnde Wut in sich. Und es war egal, ob er unter Alkoholeinfluss stand oder nüchtern war. Wie ein nie endendes Gewitter in seinem Kopf, das sich ständig neu und stärker auflädt. Keine Liebe, kein Mitgefühl für andere Menschen, am Allerwenigsten für sich selbst. Warum das so war, darüber machte er sich keine Gedanken. Er war halt so, fertig. Sollten doch die Anderen damit klarkommen.
Michael bog in eine schmale Gasse, blieb vor einem alten, kleinen Haus stehen. Sein Elternhaus, indem er mit seiner Frau und seiner Mutter wohnte. Die Wooge des Zorns überrollte ihn erneut und er stemmte sich gegen die Tür, trat sie mit drei mächtigen Tritten ein. Seine Mutter stand am Ende des Flurs, zitterte und bebte: »Wenn das dein Vater noch erlebt hätte, Gott hab ihn selig.«. Mit ein paar Schritten stand er direkt vor seiner Mutter. Kreidebleich war er. Diese weiße Wut war gefährlich, sie wusste das. Seine groben Hände legten sich um ihren Hals. Langsam, ganz langsam drückte er zu: »Wenn der Alte jetzt hier wäre, würde ich ihm mit der Axt den Schädel spalten.«, flüsterte Michael. In dem Moment sprang ihm Eva, seine Frau, auf den Rücken. »Nicht, nicht, lass Mama los! Sie hat doch gar nichts getan!« Klammerte sich um seinen Hals. Mit einem Ruck befreite er sich von ihr, warf sie zu Boden. »Nichts getan?«, schrie er. Die Ohren mittlerweile durchscheinend weiß: »Die Alten haben mich als Kind jeden Tag verprügelt, sie brauchten keinen Grund. Immer drauf, immer drauf. Mal mit dem Stock, mal mit dem Ledergürtel. Einmal hat mir die liebe Mama die gusseiserne Bratpfanne über den Schädel gehauen. Sechs Wochen war ich im Krankenhaus und sie haben erzählt, ich wäre gestürzt. Tagelang haben sie mich in der Abstellkammer eingesperrt und du sagst, sie hat nichts getan!« Eva wollte sich erheben, versuchte aufzustehen. Michael trat ihr mit Wucht in den Bauch und dann auf den Unterarm. Das krachen der Knochen war nicht zu überhören. Evas Gesicht verzog sich durch diesen heftigen Schmerz, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Sie befürchtete, wenn sie jetzt den Mund aufmachen würde, würde alles noch viel schlimmer werden. Sie kannte das ja und sie dachte, warum habe ich dieses Arschloch nur geheiratet, warum nur? Wie blind war ich eigentlich? Die Antworten darauf blieb sie sich schuldig. Die Mutter stand immer noch bewegungslos dicht an die Wand gepresst. Sie wusste, irgendwann würde er von ihnen ablassen, in seinem Zimmer verschwinden und die Tür zuschlagen. Doch dieses Mal sollte sie sich irren.
Eva sammelte all ihren Mut und rappelte sich hoch. »Michael, komm sei vernünftig. Dass was geschehen ist, kannst du nicht mehr ändern. Es ist ja auch schon so lange her.«, versuchte sie, ihn vorsichtig zu beruhigen. Doch genau das Gegenteil hatte sie erreicht. Weiß wie die Wand ging er auf sie los. Er schlug, boxte und trat sie, bis sie blutüberströmt liegen blieb und sich nicht mehr regte. Die Augen unnatürlich weit geöffnet. In seinem Wutrausch registrierte er nicht, dass Eva schon tot war.
Ruckartig drehte er sich zu seiner Mutter um. Die versuchte gerade still und heimlich an der Wand entlang zu schleichen. Sie wollte sich in Sicherheit bringen, aber es war zu spät. Er packte sie wieder am Hals, hielt sie wie in einem Schraubstock. »Warum ward ihr so grausam? Warum wurde ich überhaupt geboren?« Noch nie hatte er diese Fragen gestellt. Nun erzählte er seiner Mutter seine Kindheit, aus seiner Sicht, wie er sie erlebt hatte. Er redete und redete und sie rührte sich nicht. In ihrem Gesicht war keinerlei Regung zu erkennen. Nur ihre kalten, grauen Augen starrten ihn unentwegt an. Ein wenig Farbe kehrte in sein Gesicht und Tränen flossen über seine Wangen. Er erhöhte den Druck seines Würgegriffs. Er suchte in ihrem Gesicht, in ihren Augen eine Reaktion, eine Antwort. Aber da war nichts, außer Kälte. Er drückte fester und fester zu, bis diese kalten Augen brachen und aus ihren Höhlen traten. Er ließ von ihr ab, stieg über Evas Leichnam, ging in die Küche und machte sich in aller Seelenruhe einen Kaffee.
©Barbara Ohl

 


Der Einbrecher

 

 

 

Sabine klingelt, hämmert an die Tür und ruft: "Oma, Oma, mach doch die Tür auf!" Nach einer Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkommt, hört sie von drinnen die Stimme ihrer Oma und gleich darauf wird die Tür zaghaft geöffnet. "Was ist denn jetzt schon wieder los? Was sollen diese ständigen Anrufe?", poltert Sabine gleich ärgerlich los. "Ich bin spät dran. Ich muss die Kleine noch in den Kindergarten bringen und dann ins Büro". "Guten Morgen, Binchen,", flüstert Berta mit schuldbewusster Stimme. "Ich habe heute Nacht wieder etwas gehört, hier ist ein Einbrecher im Haus. Die Geräusche kamen vom Dachboden". Sabine wurde jetzt richtig zornig: "Oma, wie oft denn noch! Da oben ist Nichts, das bildest du dir nur ein. Das ist alles nur in deinem Kopf, das sind irgendwelche Hirngespinste!". "Aber ... ", Berta versuchte etwas zu entgegnen, aber die Enkelin schnitt ihr mit einer unwirschen Geste das Wort ab. Berta wollte ihr erzählen, dass sie eine Stimme gehört hatte, die durch die Wand zu ihr sprach, aber dann traute sie sich nicht mehr. "Ich muss los und hör auf solche Geschichten zu erzählen, man könnte ja denken, du hättest den Verstand verloren", flüchtig küsst sie die Oma auf die Stirn und die Tür fällt hinter ihr ins Schloss.

 

Oma Berta war entsetzlich traurig und sie fühlt sich so allein gelassen. In Gedanken fragt sie sich, warum ihr Niemand glaubt, sie denkt sich diese Geschichte doch nicht aus, sie hat doch noch alle fünf Sinne beisammen. Am Abend nimmt sich Berta vor, wach zu bleiben. Sie hat zwar Angst und ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, aber sie braucht den Beweis, dass sie nicht verrückt ist. Sie macht die kleine Nachttischlampe an, setzt sich aufrecht ins Bett, wartet und wartet, hört gespannt auf jedes Geräusch. Dann übermannt sie doch die Müdigkeit und sie fällt in einen leichten Dämmerschlaf. Plötzlich geht die Tür zu ihrer Schlafstube auf und eine dunkle Gestalt steht an ihrem Bett. Eine angenehme Stimme sagt vertrauensvoll: "Guten Abend, Berta. Wir kennen uns ja schon ein bisschen. In der letzten Zeit habe ich ab und zu nach dir gesehen. Ich weiß, du hast auf mich gewartet. Die Zeit ist da und wir können uns gemeinsam auf den Weg machen". Wie durch eine Nebelwand nimmt Berta den Schatten und die Stimme wahr. "Ja, es ist Zeit", murmelt sie, halb wach, halb in ihrem Traum gefangen.

 

Am nächsten Morgen klingelt und hämmert Sabine an die Tür, doch die Tür wird ihr nie wieder geöffnet.

 

©Barbara Ohl

aus dem Buch "Die Verlorenen dieser Welt" Autorin Barbara Ohl

 


Jammerhalde

Der Umzug war geschafft, endlich. Raus aus der stickigen Stadt, aufs Land. Jetzt freue ich mich auf eine ausgiebige Dusche. Den Staub und den Dreck vom Umzug und von der Stadt abwaschen. In der Nacht habe ich tief und fest geschlafen, bei weit geöffnetem Fenster. Ein Luxus, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr kannte. Der Morgen begrüßt mich mit warmen Sonnenstrahlen und Vogelgezwitscher. Ich gieße mir heißen, frisch gebrühten Kaffee in meinen großen, bunten Becher und setze mich auf die Terrasse. Schön ist es hier und diese himmlische Ruhe, nur die Stimmen der Natur und des Waldes sind zu hören. Es ist das letzte Haus in der Straße, die auf einen hohen Hügel führt und im Wald endet. Haustür raus, Wald rein. Einfach traumhaft. Dansenberg heißt das Dorf, das in der Nähe von Kaiserslautern liegt. Die Einheimischen sagen Dooseberch. Der Name Doose oder Danse bedeutet Kiefer. Früher einmal erhoben sich rund um den Ort riesige Kiefernwälder, die aber nach und nach durch Mischwälder ersetzt wurden.
Heute nehme ich mir vor, die nähere Umgebung zu erkunden. Auf einem kleinen Wegweiser lese ich den Namen »Kerscheknabberweg«. Ein lustiger Name, denke ich und laufe drauf los. Unzählige wilde Kirschbäume säumen den Weg rund um den Ort und jetzt weiß ich auch, warum er so heißt. Knappe zehn Kilometer bin ich gewandert und stehe wieder an meinem Ausgangspunkt, vor meiner Haustür. Es ist Mitte Mai und das Wetter himmlisch. Aber es nützt ja nichts, ich muss wieder an meine Arbeit. Die restlichen Kartons packen sich nicht von alleine aus.
Am nächsten Morgen nach einer erholsamen Nacht und nach dem Frühstück ziehe ich mein festes Schuhwerk an und marschiere los. Dieses Mal einfach querfeldein. Angst mich zu verlaufen habe ich nicht. Ich orientiere mich an dem Sendeturm, der mitten im Wald steht und von da kenne ich den Weg nach Hause. Mein Kopf ist so frei und meine Seele so weit. Mit all meinen Sinnen nehme ich meine Umgebung wahr. Das alte Laub, vom vergangenen Herbst raschelt unter meinen Füßen. Vor mir eine Amsel, die im Laub scharrt, nach Essbarem pickt. Nach zwei Stunden mache ich Rast. Ich stehe unter einer alten, behäbigen Eiche und schnaufe erst einmal durch. Märchenhaft schön ist es hier. Es würde mich nicht wundern, wenn plötzlich kleine Kobolde oder klitzekleine Waldfeen erscheinen würden. Die Sonne blinzelt durch das Blätterdach und lässt das samtweiche Moos in unwirklichen Grüntönen erstrahlen. In knöcheltiefen Träumen versunken genieße ich diesen glücklichen Moment. Ein Augenblick für die Ewigkeit. Langsam löse ich mich aus diesem Zauber und lasse mich zu den Füßen des Baumes nieder. Mein Rucksack gibt nicht sehr viel her. Aber für eine kleine Stärkung reicht es. Eine kleine Flasche Wasser, einen Müsliriegel und einen Apfel. Ich nehme einen großen Schluck Wasser und reiße den Riegel auf. Ein Windhauch weht die Folie weg und ich auf allen vieren hinterher. Ich grabsche danach, halte die Verpackung und eine Handvoll Dreck zwischen meinen Fingern. Die Folie stecke ich in die Seitentasche des Rucksacks und untersuche, was ich da in den Fingern halte. Ich fühle etwas Hartes, vielleicht ein Stein. Mit dem Fingernagel kratze ich etwas Dreck ab. Das ist kein Stein, denke ich. Ich werde diesen Fund mit nach Hause nehmen, um ihn genauer zu untersuchen.
Mit einer Nagelbürste fange ich an, meinen Fund zu säubern. Das Ergebnis lässt zu wünschen übrig. Es bleibt ein dreckiger kleiner Klumpen. Mit einer Drahtbürste habe ich dann mehr Erfolg. An einer Ecke glänzt es golden und aufgeregt bürste ich das ganze Stück blank. Zum Vorschein kommt ein goldener Knopf. Ich bin ganz aus dem Häuschen und meine Fantasie schlägt Purzelbaum. Am Abend setzte ich mich mit einem Glas Rotwein und meinem Knopf in meinen Lieblingssessel, lasse mich von meinen Gedanken forttreiben. Es sind schöne Gedanken, romantische Vorstellungen. Vielleicht hat ein Liebespaar vor vielen, vielen Jahren beim Liebesspiel diesen Knopf verloren.
In der Nacht habe ich schlecht geschlafen. Merkwürdige, beklemmende Träume haben mich heimgesucht. Aber so richtig kann ich mich an sie nicht mehr erinnern. In den folgenden Nächten werden die Träume heftiger. Ich höre Schreie und sehe immer wieder Blut, sehr viel Blut. Oft wache ich schweißgebadet auf, ringe nach Luft. Was war nur mit mir los? Ich kann mir das alles nicht erklären. Tagsüber versuche ich mich abzulenken. Ich bepflanze die Kübel auf der Terrasse mit bunten, duftenden Blumen und versuche herauszufinden, was das für ein Knopf ist. Wem könnte er gehört haben, aus welcher Zeit stammt er? Es geht eine sonderbare Faszination von ihm aus, die mich in Bann hält. Der Hausbesitzer schaut ab und zu nach dem Rechten, fragt, wie es mir geht und ob ich mich hier wohl fühle. Das kann ich ihm nur bestätigen. Schöner kann man eigentlich nicht wohnen. Ihm zeige ich den Knopf, aber auch er kann nichts damit anfangen. Von den Alpträumen erzähle ich ihm natürlich nichts.
Die Nächte werden immer gruseliger. Ich sehe Menschen in mittelalterlicher Kleidung, die durch den düsteren Wald irren. Die Frauen mit Spitzenhäubchen und kurzen Schulterumhänge halten ihre Säuglinge an sich gepresst und zerren die größeren Kinder hinter sich her. So viele ausgemergelte Gestalten auf der Flucht. Aber auf der Flucht vor was? Vor wem? Diese Träume gehen mir an die Substanz und sie hören nicht auf. Einmal dreht sich eine halb verhungerte, kranke Frau um, schaut mich an, schreit etwas in französischer Sprache, bevor sie Schutz hinter einem Baum sucht. Ein anderes Mal taucht ein Datum vor meinen träumenden Augen auf, elfter Juli. Ich muss mich von diesen schrecklichen Träumen ablenken. Ein Spaziergang im Wald wird mir guttun. Ganz in Gedanken stecke ich den Knopf in meine Hosentasche und laufe los. Tief atme ich die würzige Luft ein. Mein Kopf wird wieder frei und ich freue mich auf einen gemütlichen Abend. In der kommenden Nacht sollte ich das Fürchten lernen.
In meinem Traum flüchten hunderte von Menschen in die Wälder, gefolgt und gehetzt von Soldaten in Kettenhemden, mit Schildern und Schwertern. Fast alle Flüchtenden wurden eingeholt und niedergemetzelt. Ein unbeschreibliches Blutbad spielt sich vor meinen Augen ab. Die Horde schreckt auch nicht davor zurück, Kinder und Säuglinge zu erschlagen. Die Erde ist getränkt mit ihrem Blut. Ein Soldat trifft auf eine junge Frau, die verzweifelt versucht, sich im Gestrüpp zu verstecken. Mit dem Schwert teilt er ihren gewölbten Leib, Eingeweide und ein ungeborenes Kind quellen hervor. Ein anderer schlägt einem Mann mit brachialer Gewalt den Kopf vom Rumpf. Tritt mit seinen klobigen Lederstiefeln dagegen, dass er meterweit durch die Luft fliegt. Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, aufs Schlimmste erniedrigt und dann brutal niedergestochen. Entsetzliche Schreie, Hilferufe und jämmerliches Flehen dringen mir durch Mark und Bein. Am Ende wateten die Schergen durch einen Schlamm aus Erde und Blut. Ein junges Mädchen liegt im Sterben. In meinem Traum gehe ich zu ihr hin, beuge mich über sie. Langsam öffnet sich ihre Hand, in der ein goldener Knopf funkelt. Blankes Entsetzen spiegelt sich in ihren Augen, bevor sie sie für immer schließt.
Ganz allmählich erwache ich aus diesem Horrorszenario. Mir ist übel, speiübel und ich bin dem Wahnsinn nahe. Denn dieser Knopf, den ich im Traum in der Hand des jungen Mädchens gesehen habe, ist der gleiche, der jetzt bei mir auf dem Tisch liegt. Am Nachmittag kommt der Hausbesitzer vorbei. Er hat wohl gemerkt, dass es mir nicht so gut geht und nach einigem Zögern erzähle ich ihm die ganze Geschichte. Er nickt bedächtig und beginnt zu erklären: »Am 11. Juli 1635, während des 30jährigen Krieges, wird Kaiserslautern von kroatischen Truppen angegriffen. Den Angreifern gelingt es, die Stadt und die umliegenden Siedlungen einzunehmen. Die Menschen, insbesondere Hugenotten, flüchteten in die Wälder. An der Roten Hohl beim Beerenloch wurden sie entdeckt und niedergemetzelt. Die Stelle, in der Nähe von Dansenberg, an der die Siedler vergeblich Schutz suchten, trägt heute den Namen Jammerhalde und wir wohnen in der Straße, die den Namen Zur Halde trägt. Damit wird der Weg dorthin beschrieben. Und eine alte Legende besagt, dass das Schreien und Jammern alle sieben Jahre aus dem Wald zu hören ist. Am Morgen des 19. Juli ist die Stadt zerstört und menschenleer. Vor dem Massaker lebten in der Stadt dreitausend Menschen, nur zweihundert kehren zurück.« Ich bedanke mich für die ausführliche Information, die sehr aufschlussreich ist.
Nun weiß ich, was ich tun muss. Noch am selben Tag gehe ich zu der Stelle zurück, an der ich den Knopf gefunden hatte. Mit einer kleinen Schaufel buddele ich ein Loch und lege meinen wertvollen Fund hinein. Ich gebe dem Mädchen seinen Besitz zurück, den die Erde nach hunderten Jahren an die Oberfläche befördert und freigegeben hatte. In der folgenden Nacht träume ich wieder. Das Mädchen mit weißem Spitzenhäubchen steht an einen Baum gelehnt, streckt mir die geöffnete Hand hin und darin sehe den funkelnden, goldenen Knopf. Sie winkt mir noch einmal zu und löst sich in Nebel auf. Seit dem habe ich nie wieder von diesem Krieg oder von diesem Mädchen geträumt.
©Barbara Ohl

Recherche über den 30jährigen Krieg Wikipedia


Der Geschmack von Gras

Er erhob sich, rückte seine Kleidung zurecht und blinzelte in das Licht der aufgehenden Sonne: »Und wie soll es jetzt weitergehen?«, dachte er, die Hände vor die Augen haltend. Er hatte sich gestern Abend wieder einmal einen Schuss gesetzt, träumte sich in eine andere Welt. Die Dämmerung kam schnell und sein Dasein wurde erträglicher. Schwerelos glitt er hinüber und im Mondlicht hat er mit dem Teufel getanzt - bis zur Bewusstlosigkeit. Nun war er zurückgekehrt aus dieser bodenlosen Dunkelheit mit einem bitteren Geschmack im Mund. Langsam öffnete er seine Augen ganz. Er schaute sich in seiner Bude um: "Ich bin ein Schwein!", sagte er zu sich selbst. Die Klamotten lagen verstreut auf dem Boden und der Matratze, die ihm als Bett diente, Essensreste verschimmelt auf der Anrichte und ein Brei aus Erbrochenem in der Spüle. Es klopfte: "Die Tür ist offen.", krächzte er und ließ sich auf einen wackeligen Stuhl fallen. "Wie sieht es denn hier aus? Was ist los mit dir?", fragte Julia entsetzt. Er kannte Julia schon aus dem Kindergarten. Sie hatte ihn damals dazu gebracht einen Entzug zu machen. Danach schien alles Gut zu werden, er war clean und der Betrieb, bei dem er als Mechatroniker gearbeitet hatte, stellte ihn wieder ein. "Peter, was ist passiert? Ich war nur vier Wochen in New York, komme zurück und finde dich in diesem Zustand vor!", traurig kamen diese Worte aus ihrem Mund, ohne die Spur eines Vorwurfs.
Sie hatte schon viel erlebt mit Peter. Damals, sie waren gerade siebzehn Jahre alt, hat er seine Eltern durch einen Autounfall verloren. Das Jugendamt brachte ihn bis zu seinem achtzehnten Geburtstag, in einem betreuten Wohnheim unter. Verwandte hatte er keine mehr. Peter veränderte sich zusehends. Das Abi hat er gerade so geschafft und die Lehre als Mechatroniker auch gerade so. Er wurde immer depressiver und war vollkommen in sich gekehrt. Sie sahen sich nicht mehr so oft, wie in der Schulzeit aber Julia machte die Veränderung von Peter Angst. "Sag mal, nimmst du irgendwelche Drogen?", hat sie ihn mehrmals gefragt. "Unsinn, mir geht es halt nicht so gut", oder er sagte: "Ich bin einfach nicht gut drauf." Bis zu dem Tag, an dem sie unverhofft bei ihm hereinplatzte. Zusammen gekauert lag er auf der Matratze, das Besteck und eine Spritze daneben. Sie war geschockt: "Nicht Peter, nein, nicht er." Sie waren immer gute Freunde gewesen und sie konnte ihn jetzt nicht alleine lassen. Nach mehreren Stunden erwachte er langsam aus seinem Rausch. Völlig irre schaute er Julia an: "Was machst du denn hier? Wie bist du hereingekommen?" Ohne eine Antwort ab zu warten schwankte er ins Badezimmer. Als er wieder in das Zimmer kam, hatte Julia bereits Kaffee gekocht und stellte ihm einen großen Humpen hin. "So, und jetzt mal raus mit der Sprache. Ich will keine Lügen mehr hören. Sag mir endlich die Wahrheit, was ist mit dir los?", fragte sie energisch. Peter setzte sich neben sie an den kleinen runden Tisch, hielt den Kaffeebecher mit beiden Händen und trank einen großen Schluck. Zögernd begann er zu erzählen: "Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Ich geriet da in so eine Clique, die haben Gras geraucht und mit Tabletten rum experimentiert. Gras rauchen fand ich toll, meine Träume lebten wieder, waren bunter. Dann tauchte irgendwann ein Typ auf, der vertickte Heroin. An diesem Abend fühlte ich mich schrecklich mies und dann ließ ich mich überreden, es auch zu probieren. Ob du es jetzt glaubst oder nicht, das war das geilste Erlebnis, das ich je hatte. Ich hörte Musik und Gesang in meinem Kopf. Ich sah Farben und nahm Gerüche wahr, die ich nie zuvor kannte. Mir wurde zum ersten Mal seit Jahren wieder warm und ein unbeschreibliches Glücksgefühl breitete sich in meinem ganzen Körper aus. Dieser Zustand könnte ewig dauern und ich sorgte dafür, dass sich dieses Befinden so oft wie möglich einstellte. Drogen kosten eine Menge Geld, so habe ich meine Freunde beklaut, meinen Chef beklaut und letztendlich meine Arbeit verloren. Das ist so in groben Zügen alles.” Langsam quollen Tränen aus seinen rotgeränderten Augen. “Julia, was soll ich nur tun? Kannst du mir helfen?" Julia hat ihm geholfen. Sie brachte ihn zu einem Arzt, von dort in eine Klinik zum Entzug. Peter machte richtig gut mit bei der Therapie. Alle, die Ärzte, die Betreuer und Julia merkten, dass es ihm Ernst war und er brachte einen ungeheuren Willen auf um wieder clean zu werden. Julia bezahlte die Schulden, die er bei seinem Chef hatte und der stellte ihn nach Beendigung seiner Therapie auch wieder ein. Fürs Erste nur probeweise. Kurze Zeit darauf musste Julia beruflich nach New York und er versprach ihr keine Dummheiten zu machen.
Und nun saßen sie wieder an dem kleinen runden Tisch und Peter hatte auf all die Fragen, die Julia ihm stellte, keine Antworten. Antworten hätte er gehabt, aber die behielt er für sich. Er wollte nicht reden. Ihre Gesellschaft war ihm lästig. Sie störte ihn. Julia redete auf ihn ein, versuchte, ihm ein Wort zu entlocken. Peter verbarg seine Emotionen hinter einer Mauer aus Schweigen. “Lass mich einfach in Ruhe und geh jetzt, bitte.”, sagte er müde. Ihre Nähe machte ihm Angst. Schweren Herzens verließ sie ihn, sie wollte morgen noch mal nach ihm sehen. Endlich war er wieder alleine. Eine traurige Gleichgültigkeit machte sich in ihm breit. Peter fühlte sich nirgends mehr zu Hause, auch nicht in sich selbst. Mit einem Seufzer ließ er sich auf die Matratze fallen. Die Depressionen hatten ihn in die Enge getrieben und die Angst vor diesem Leben würgte ihm die Kehle. Peter konnte die Last seines Daseins nicht mehr auf sich nehmen, sie erdrückte ihn. Er war gefangen in einer Welt, die nicht die seine war. Der Schmerz fraß ihm die Seele auf und die Dunkelheit zog ihn magisch an.
Julia fand ihn am nächsten Tag, die Nadel steckte noch in seinem Arm, seine gebrochenen Augen waren weit aufgerissen. Das Letzte was Peter sah, war ein Meer aus Farben und er schmeckte das Gras der Wiese, hinter seinem Elternhaus.

©Barbara Ohl

Tuschezeichnung: ©Ohl

Bleistiftzeichnung ©Barbara Ohl/97

Wenn das Herz friert
Die Nacht weicht endlich dem frühen Morgen. Neblig und trüb ist er, aber immer noch besser als die dunkle, kalte Nacht, denkst du, in der du dich von einer Seite auf die andere wälzt, doch nicht schlafen kannst und Gedanken ständig kreisen. Du stehst am Fenster und schaust hinaus, die Kaffeetasse mit beiden Händen umklammert, als ob du dich an ihr festhalten musst. Der Rabe auf dem gegenüberliegenden Dachfirst schaut dich frech an, fliegt dann auf und davon in den verregneten Himmel. Es ist Oktober und eigentlich schon zu kalt für die Jahreszeit. Jedenfalls empfindest du das so, aber dir ist immer kalt nicht nur von außen auch von innen. Dein Herz, deine Seele frieren und da helfen auch keine dick gestrickten Strümpfe und kein dicker, flauschiger Bademantel. Langsam drehst du dich um und gehst zu der altersschwachen Kaffeemaschine, die immer Geräusche macht, als würde sie jeden Moment ihren Geist aufgeben. Sie rangst und zischt, hast dich aber schon lange an diese Laute gewöhnt. Du brauchst noch einen Kaffee um die Müdigkeit aus den Knochen zu vertreiben. Nur Schweigen um dich herum, außer der alten Kaffeemaschine. Schweigen in dir selbst und zwischen dir und anderen. In der gemütlichen Küche war immer Leben gewesen. Solange du denken konntest, hat sich dein Leben in dieser Küche abgespielt und wenn Besuch kam, saßen sie auch am liebsten in der Küche. Es war einfach gemütlich und heimelig. Und jetzt diese unerträgliche Stille und diese merkwürdige Kälte, die aus deinem Inneren zu schleichen scheint. Du setzt dich mit deiner Kaffeetasse an den Küchentisch und starrst auf den leeren Platz dir gegenüber. Dort saß dein Wolfgang fünfundvierzig Jahre zu jeder Mahlzeit und auch zwischendurch. Sicher, die Stühle und der Tisch wurden irgendwann einmal gegen neue ausgetauscht, aber Wolfgang war immer da. Nur jetzt nicht mehr. Dann starrst du auf den Kaffeefleck auf dem Tisch. Seit 3 Monaten betrachtest du jeden Tag diesen Fleck, kannst ihn nicht wegwischen, kannst dich einfach nicht von diesem Fleck lösen. Was hatte Wolfgang alles für Pläne gemacht seit er in Rente war. Das Haus wollte er renovieren, ein neues Bad einbauen und endlich sollte ihr gemeinsamer Traum in Erfüllung gehen, eine längere Urlaubsreise nach Frankreich in die Camargue. Mit einem Schlag hattest du ausgeträumt. Betrachtest jetzt den leeren Stuhl, ganz schief stand er an dem Tisch, hast ihn nicht mehr bewegt, hast einen großen Bogen darum gemacht. Du fängst an zu zittern vor Kälte, hast das Gefühl, als legten sich winzige Eiskristalle um dein Herz. Denkst an den Morgen als Wolfgang dir, wie gewöhnlich, aus der Tageszeitung vorlas, dann plötzlich die Kaffeetasse umgestoßen hatte und tot auf diesem Stuhl zusammengebrochen war. Du fragst dich, ob du jetzt für den Rest deines Lebens so frieren wirst oder ob es besser wäre, sich auf den Weg zu machen. Auf den Weg zu Wolfgang.
©Barbara Ohl
Gewinnerin des Kurzgeschichten-Wettbewerbs Writer`s Inn Award
aus dem Buch "Die Verlorenen dieser Welt"