Charlotte

In leichtem Trab ritt Charlotte auf ihrem Braunen den breiten Weg entlang. Der Weg, der von den Viehweiden und den Stallungen zum Haus führte. Einzelne behäbige Eichen standen links und rechts und dazwischen üppige Rhododendronbüsche mit saftig grünen Blättern und einer unbeschreiblichen Blütenpracht in rosa und violett, die dem anderen Gestrüpp die Sonne nahmen. Verträumt ließ sie ihre Augen über ein Paradies gleiten. Charlotte liebte diesen Anblick, atmete tief die blumig, frische Sommerluft ein. Das riesige Anwesen, mit verschiedenen Nebengebäuden kam in ihr Blickfeld. Jedes Mal ging ihr das Herz auf, hier, in der Nähe von Kidderminster war sie zu Hause.

 

Aus dem Buch "Die Verlorenen dieser Welt"

BoD Verlag, ISBN 9783743151109

Eine kleine Geschichte am Rande.
Die zwei Mädchen Helene und Rebecca, in der Kurzgeschichte »Winter auf dem Land« aus meinem neuen Buch »Die Verlorenen dieser Welt«, sind meine kleine Schwester und ich. Wir haben sehr viel Zeit auf dem Land bei unseren Verwandten verbracht. Im ganzen Dorf waren wir bekannt, als die Mädchen aus der Stadt. Der Oma gingen wir zur Hand bei der Gartenarbeit, sei es das Säen und setzen von Pflanzen oder das Ernten. Beim Pflücken fühlten wir uns wie im Schlaraffenland, von jedem Obststrauch haben wir genascht, bis wir Bauchschmerzen hatten. Marmelade kochen, Kuchen backen, Gemüse und Obst einkochen, waren Dinge, die wir lernten, die uns viel Spaß gemacht haben. Mit der Zeit kannten wir jede Kuh, jedes Schwein und jedes Huhn in den Ställen. Auch das Melken haben wir gelernt. Wir halfen auch bei der Ernte, denn in diesem Dorf war es selbstverständlich, dass Jeder Jedem half.  Das Schönste war immer die Brotzeit und die Heimfahrt auf dem übervollen Heuwagen. Glücklich und unbeschwert waren wir in diesen Tagen und es hat unser Leben geprägt, friedvoller und wertvoller gemacht.

Das Foto zeigt meine kleine Schwester Rita und mich.
©Barbara Ohl

Eine Geschichte in meinem neuen Buch, "Die Verlorenen dieser Welt", das demnächst erscheint, heißt "Winter auf dem Land". Eine kleine Leseprobe findet Ihr direkt im Anschluss. Hier zeige ich Euch ein Foto von meiner Tante, meinem Onkel und mir. Aufgenommen wurde dieses Foto an Weihnachten 1955. Ich denke gerne an diese Zeiten zurück.

Winter auf dem Land

Die Kleine kniete neben ihrer Mutter, die reglos auf dem Boden lag, und zitterte am ganzen Körper. "Mama, Mama steh bitte auf." Doch die Mutter reagierte nicht. Das Kind schaute sich hilfesuchend in der Küche um, da war niemand, außer ihrer vierjährigen Schwester. Die da stand, mit weit aufgerissenen Augen. Eilig lief sie zur Nachbarin, ins Nebenhaus. Sie trug nur ihren Schlafanzug und ein Paar dünne Hausschuhe. Die blonden Locken flogen um ihren Kopf, die Lippen zusammengekniffen in dem schmalen, blassen Gesicht. Es war November und schon bitterkalt, doch Helene fühlte die Kälte nicht. Sie spürte nur entsetzliche Angst. “Frau Fuhrmann, du musst schnell mitkommen! Mama liegt auf dem Boden und regt sich nicht mehr.” Atemlos und mit zitternder Stimme sprach sie. Ohne eine Antwort abzuwarten rannte sie zurück, die Nachbarin hinterher. Aber auch sie schaffte es nicht, die wächserne Gestalt, mit den unwirklich blauen Lippen, wieder zum Leben zu erwecken. Der Krankenwagen und ein Arzt waren innerhalb von zehn Minuten zur Stelle. Der Doktor bemühte sich eifrig um Helenes Mutter und sagte schließlich zu den vollkommen verstörten Kindern: “Ihr müsst keine Angst haben, eure Mama wird bald gesund, doch wir müssen sie jetzt mitnehmen, denn im Krankenhaus können wir besser auf sie aufpassen.”, und zur Nachbarin gewandt: “Wer kümmert sich um die Kinder, Sie? Oder sollen wir das Jugendamt verständigen?” Frau Fuhrmann schüttelte energisch den Kopf: “Nein, nein, die Kinder bleiben bis morgen Früh hier und dann bringe ich sie zu ihren Verwandten aufs Land.
Am Morgen packte Frau Fuhrmann zusammen mit Helene und ihrer Schwester Rebecca einen Koffer. Die Kleinen, immer noch sehr einsilbig, voller Angst. Die Nachbarin telefonierte mit dem Krankenhaus. Nach einer längeren Wartezeit auch mit Dorothea, der Mutter von den zwei Mädchen, die ohne Vater aufwuchsen. Der machte sich kurz nach der Geburt von der Jüngsten aus dem Staub. Ein Lächeln ließ den Mund von Frau Fuhrmann viel breiter aussehen, als er sowieso schon war und sie winkte die Kinder zu sich, hielt ihnen den Telefonhörer hin. Ihre Gesichter strahlten und sie lauschten aufmerksam. Am Ende des Gesprächs sagten beide: “Ja, Mama, wir versprechen es. Wir sind brav.”. “Mach dir keine Sorgen, ich passe auf Rebecca auf. Ich hab dich lieb, werde ganz schnell wieder gesund.” Flüsterte Helene in den Hörer. Rebecca krähte noch dazwischen: “ Und ich passe auf Helene auf und wenn sie nicht hört, hole ich den Kochlöffel.”
Neben dem Haus unter einer Segeltuchplane kam eine “Adler” zum Vorschein. Ein Motorroller, Baujahr 1955. Gerade einmal vier Jahre alt und der ganze Stolz von Ruth Fuhrmann. Von Beruf schon seit dreißig Jahren Hebamme, half sie auch Helene und Rebecca auf diese Welt. Sie packte die Kinder gut warm ein, wenn sie umfielen, hätten sie ohne Hilfe nicht mehr aufstehen können. Der Koffer wurde auf dem Gepäckträger festgezurrt. Rebecca wurde hinter der Nachbarin auf den Roller gesetzt, ihr mit einem Bettlaken praktisch auf den Rücken gebunden. Helene stellte sich vorne auf die Trittfläche, zwischen die Beine der Fahrerin und wurde auch festgebunden. Dann begann die abenteuerliche Reise über Land in die Berge. Eine Fahrt in den Winter.